Wie man Technologie vorantreibt – das Beispiel "Radio"von VMware

Impression von der 'Radio'-Konferenz (Bild: Hartmut Wiehr)
Impression von der 'Radio'-Konferenz (Bild: Hartmut Wiehr)

Die IT-Industrie lebt von Veränderung. Positiv gesehen bedeutet das ein kontinuierliches Nachvorneblicken und die Bereitschaft, bestehende Produkte, Services und sonstige Angebote immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. In der Praxis ist damit gemeint, sich nach neuen Ideen im eigenen Hause umzusehen oder den Markt zu beobachten und die eine oder andere Akquisition zu tätigen. Die eher negative Seite kommt zum Tragen, wenn Research and Development nur noch unter Kostengesichtspunkten betrachtet werden und immer mehr an dieser Funktion gespart wird.

Bei R&D muss der Hersteller in Vorleistung gehen, und oft scheint die Integration von OEM-Produkten oder auch die Übernahme eines der zahlreichen Startups “günstiger” zu sein. Der eigenen Forschung und Entwicklung kommt dann oft nur noch eine Alibifunktion zu, wenn sie nicht ganz eingestellt wird.

VMware nimmt auf diesem Feld eine Sonderstellung ein. Schon 2001 wurde "Radio" (Research And Development Innovation Offsite) ins Leben gerufen, um bestehende Technologien zu verbessern und neue ins Leben zu rufen. Einmal pro Jahr leistet sich VMware eine zentrale Radio-Konferenz, auf der Hunderte junger Entwickler und Management-Teams einschliesslich des C-Levels zusammenkommen, ihre Ideen vorstellen und gemeinsam überprüfen.

Dieses Jahr trafen sich vor dem Sommer in San Francisco 1.800 Dell-EMC-Mitarbeiter aus allen Kontinenten für mehrere Tage, darunter sehr viele aus dem asiatischen Raum. Neben Dell-CEO Michael Dell war auch VMware-CEO Pat Gelsinger neben zahlreichen leitenden Managern vor Ort. 2018 war diese Konferenz zum ersten Mal für ein paar amerikanische Journalisten geöffnet worden, und dieses Mal konnte eine kleine international zusammengesetzte Gruppe teilnehmen.

Die Strategie von VMware war von Anbeginn an sehr technologie-fokussiert, was ihr innerhalb des Mutterkonzerns EMC (heute Dell EMC) bis heute eine gewisse unabhängige Stellung verschaffte. Virtualisierung, virtuelle Maschinen und weitere darauf aufbauende Technologien, zum Beispiel im Netzwerk- und Storage-Bereich, sind von der formell unabhängigen Tochterfirma VMware auch für Nicht-EMC- und Nicht-Dell-Kunden attraktiv gemacht worden. Dell hat mit dem Kauf von EMC und VMware nichts an dieser Strategie geändert.

VMware führt eigene grosse Anwenderkonferenzen durch, hat beste Beziehungen zu den Konkurrenten von Dell EMC wie zum Beispiel Microsoft, IBM oder anderen. Konkurrierende Ansätze wie zum Beispiel die Virtualisierung von Citrix nehmen heute nur noch eine Nischenposition ein.

Der geheime Motor hinter diesen zahlreichen technologischen Neuerungen heißt "Radio". Diese Initiative steht für einen internen Technologiewettbewerb von VMware. In den Worten von VMware-CEO Pat Gelsinger: “Radio ist das Beste, was wir in dieser Hinsicht anzubieten haben und was uns fundamental von unserer Konkurrenz unterscheidet.”

Für die Sales-Leute gab es dieses Jahr schon einen eigenen “Motivierungs-Event” in Abu Dhabi, während man in San Francisco wieder die Technologen und Nachwuchskräfte des Unternehmens zusammengerufen hatte. Die Handvoll der anwesenden Journalisten aus Asien und Europa sollte die Gelegenheit bekommen, einen “aktuellen Einblick in die Bereiche Forschung und Entwicklung von VMware” zu erhalten.

Die bisher vielleicht bedeutendste Idee, die aus "Radio" hervorgegangen ist, stellt vSAN dar. Das Konzept wurde zuerst auf einer Radio-Tagung vorgestellt und dann sukzessive weiterentwickelt. VSAN oder Virtual SAN ist eine software-defined Storage-Funktion, die in der übergeordneten Server-Instanz vSphere integriert ist und einen gemeinsamen Speicherplatz für verschiedene ESXi-Hosts bietet. Insofern hat diese Funktion eine ähnliche Bedeutung, wie sie ein traditionelles SAN (Storage Area Network) darstellt, das ebenfalls einen gemeinsamen, ausgelagerten Speicherplatz für verschiedene Server und Applikationen anbietet. VSAN wurde zuerst unter Entwicklern auf einer Radio-Tagung diskutiert und dann sukzessive weiterentwickelt.

Inzwischen ist vSAN zu einem wesentlichen Bestandteil von vSphere-Installationen geworden. Alle vSAN-Funktionen sind bereits in jedem vSphere-Kernel enthalten. Es muss keine zusätzliche Software installiert werden. Neben Einzellizenzen pro CPU gibt es ein umfassendes Bundle für eine Hyper-converged Infrastructure (HCI), Anwender erhalten damit eine komplette Umgebung aus Hardware und Software für Computing- und Storage-Aufgaben. Die Analysten von Forrester haben VMware neben Nutanix eine führende Position in dem aufstrebenden Markt für HCI eingeräumt (siehe Abbildung).

Dass sich VMware aufgrund von Forschung und Entwicklung – nicht zuletzt durch "Radio" – längst von seinen Anfängen als Virtualisierungspionier emanzipiert hat, wird dem Hersteller auch von Gartner bescheinigt: “VMware hat die Software-Fähigkeiten von vSAN durch Innovationen und Verbesserungen im Detail ständig verbessert und sich dabei auf Performance, Zuverlässigkeit, einfache Handhabung und Skalierbarkeit konzentriert. VMware bietet heute sehr grosse Installationsmöglichkeiten für HCI: als reines Software-Angebot, als komplette Referenzarchitektur einschliesslich der Hardware-Basis, als software-basierte Appliance und als software-basierte Rack-Lösung für Rechenzentren sowie als Infrastructure-as-a-Service (Iaas) für Rechenzentren und als Public-Cloud-Variante.” (Magic Quadrant for Hyperconverged Infrastructure, 2. 1. 2019)

Mit "Radio" arbeitet VMware konsequent an weiteren Innovationen und Verbesserungen. So wurden in San Francisco auch dieses Jahr mehrere Hunderte an Vorschlägen für bestimmte VMware-Bereiche, kundenspezifische Anwendungen und komplett neue Ideen diskutiert. Dazu wurde ein grosser Saal mit vielen Dashboards, Skizzen und Entwicklerteams eingerichtet – leider aber off-limits für die Journalisten.

Der hehre Anspruch der “exklusiven” Teilnahme von Beobachtern an der Radio-Konferenz konnte so nur ansatzweise erfüllt werden. Denn schon nach der Teilnahme an den einleitenden, allgemein gehaltenen Vorträgen vor dem Plenum der 1.800 VMware-Mitarbeiter begann ein separates, sehr dichtes Programm für die Journalisten – jenseits der eigentlichen Konferenz. Was dort wirklich an Neuem diskutiert, verworfen oder zur Weiterentwicklung empfohlen wurde, blieb hinter einem eisernen Vorhang verborgen. Auch war es nicht möglich, bei den Diskussionen der Konferenzteilnehmer mit Michael Dell und Pat Gelsinger dabei zu sein.

Viele der grossen Konferenzen der amerikanischen IT-Hersteller von HPE über IBM bis zu Dell EMC leiden darunter, nur teilweise wirklich offen zu diskutieren oder tiefere Einblicke in verschiedene Technologien zu geben. Das Marketing dominiert bis in viele Details hinein. Allerdings bieten sie aber auch viele Gelegenheiten, dem offiziellen Programm für Journalisten und Analysten etwas zu entfliehen und interessante, eher versteckte Sessions zu besuchen oder inoffizielle Kontakte zu pflegen. "Radio" ist zwar im theoretischen Ansatz diesen grossen Kundenevents überlegen, aber was die praktische Umsetzung angeht, sollten die Verantwortlichen noch einmal in sich gehen. Für drei Tage in das entfernte San Fancisco zu fliegen, um letztlich von einer Veranstaltung ausgeschlossen zu sein, ist nicht unbedingt ein optimaler Ansatz.

Die Analysten von Forrester haben VMware neben Nutanix eine führende Position in dem aufstrebenden Markt für HCI eingeräumt
Die Analysten von Forrester haben VMware neben Nutanix eine führende Position in dem aufstrebenden Markt für HCI eingeräumt