Symbolbild: Pixabay/Deltaworks

Wolf Lotter ist Wirtschaftsjournalist, Autor und einer der prägenden Vordenker der Wissensökonomie im deutschsprachigen Raum. Als Mitgründer des Magazins Brand Eins hat er einen neuen Blick auf Wirtschaft als gesellschaftliches und kulturelles Projekt etabliert. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit dem Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft und ordnet auch künstliche Intelligenz (KI) in diese Entwicklung ein. Wie er im nachfolgenden Interview verrät, ist es das grosse Projekt der nächsten Jahrzehnte, "digital erwachsen" zu werden.

ICTkommunikation: Ihr neues Buch "Digital erwachsen" enthält die provokante These: "Wir haben nicht zu viel künstliche Intelligenz, wir haben zu wenig natürliche Intelligenz." Was genau verstehe Sie darunter und wo sehen Sie aktuell die grössten Defizite?

Wolf Lotter: Wir arbeiten und organisieren unsere Arbeit vielfach immer noch streng nach den Regeln des Maschinenzeitalters. Das ist ein Anachronismus. In den Fabriken werden Menschen für die physische Produktion kaum noch gebraucht, und geistige Routinearbeit – die Verwaltung des Immergleichen – wird generell von der KI und von Softwarerobotern besser, fehlerfreier und effizienter gelöst. Unser Defizit ist, dass wir das noch nicht verinnerlicht haben. Wir dürfen uns nicht ständig mit unserem Werkzeug vergleichen oder in einen Wettbewerb mit der Maschine treten. Wir müssen uns vielmehr klarmachen: Wir sind diejenigen, die denken, die strategisch entscheiden und Sinn stiften – und die KI ist lediglich das Werkzeug, das uns dabei unterstützt. Die natürliche Intelligenz muss wieder die Führung übernehmen. Wir sind das Hirn.

ICTkommunikation: Sie stellen den Menschen klar über Systeme und Technologien. Warum haben aus Ihrer Sicht in vielen Organisationen heute trotzdem Systeme – ob organisatorischer oder technologischer Natur – die Oberhand gewonnen?

Wolf Lotter: Das ist eine direkte Folge der sehr erfolgreichen Industrialisierung. In den vergangenen 200 Jahren haben wir Organisationen geschaffen, in denen mechanische Systeme, Fliessbänder und strikte Produktionseinheiten extrem effizient laufen. Die klassische Betriebsführung, das traditionelle Management, ist darauf getrimmt, die Dinge "richtig“ zu machen – also exakt so, wie das Lehrbuch es vorgibt. Wenn nun aber die KI die klassischen Routinejobs übernimmt, brauchen wir keine reinen Befehlsempfänger mehr. Wir brauchen kreative Köpfe, die sich nach immer neuen Antworten und Lösungen umsehen, gerade dann, wenn diese Lösungen eben nicht im Lehrbuch stehen. Wir brauchen mehr "Gestörte“, wie ich es nenne, in den Unternehmen.

ICTkommunikation: "Gestörte“ klingt im geschäftlichen Kontext zunächst nach einem Risiko. Wer sind diese Leute?

Wolf Lotter: Das sind die Leute, die stören, weil sie viel und gründlich nachdenken. und nicht einfach sagen: "Ist halt so! Sie geben sich nicht mit dem Satz zufrieden "Das haben wir immer schon so gemacht." Sie hinterfragen Systeme, sie brechen Routinen auf, ja, sie nerven, aber zu einem guten Zweck: Zum Weiterdenken. Bisher hat man solche Menschen in durchoptimierten Organisationen oft als Sand im Getriebe betrachtet. In der KI-Ökonomie sind sie jedoch das wichtigste Kapital, weil sie genau das einbringen, was der Algorithmus nicht hat: Eigensinn, Intuition und die Fähigkeit zum Querdenken.

ICTkommunikation: Sie argumentieren, dass Systeme bewusst begrenzt werden müssen. Wo liegt für Sie die Grenze zwischen sinnvoller Automatisierung und dem Verlust menschlicher Urteilskraft?

Wolf Lotter: Automatisierung ist an sich gut und richtig. Sie erfordert aber ein extrem hohes Mass an Eigenverantwortung bei den Menschen. Wenn wir naiv glauben, wir könnten alles, was wir tun und eigentlich selbst entscheiden sollten, an einen KI-Agenten auslagern, dann wird dadurch am Ende nur die Dummheit automatisiert. Wie der AI-Unternehmer Stephen Klein so treffend sagt: "Es ist noch niemand klüger geworden, weil er weniger denkt."

Der Mensch entscheidet, ob Systeme, Maschinen oder Routinen überhaupt laufen. Um diese Entscheidung aber fundiert treffen zu können, muss man erst einmal wissen, womit man es zu tun hat. Wenn die Technologie eine absolute Blackbox bleibt, völlig undurchdringbar, dann kann ich keine Entscheidungen treffen – und dann bin ich eben nicht "erwachsen". Die Antwort lautet also: Bildung, Bildung, Bildung, wie immer. Und man muss sich immer wieder klarmachen: An die Leistungsfähigkeit von Computern und KI „glaubt“ man nicht wie an eine Religion, sondern man weiß, was sie können und was nicht. Diese Entzauberung wäre schon Grenze genug, aber da müssen wir gesellschaftlich noch viel mehr tun.

ICTkommunikation: Immer wieder betonen Sie den Begriff der "digitalen Reife". Woran erkennt man konkret eine Organisation, die diesen Reifegrad erreicht hat? Und woran scheitern andere?

Wolf Lotter: Man erkennt sie an einer pragmatischen Nüchternheit. Arbeiten die Menschen in der Organisation weitgehend selbständig und eigenverantwortlich? Nutzen sie Technologie bewusst – in genauer Kenntnis ihrer Möglichkeiten und ihrer Grenzen? Bei reifen Organisationen ist KI kein Wunder und kein Zauber, sondern das Ergebnis kluger Überlegungen und Umsetzungen durch Menschen.

Organisationen scheitern, wenn sie versuchen, mit der neuen Technik zwanghaft alte Strukturen, starre Hierarchien und überholte Geschäftsmodelle in die Zukunft "rüberzuretten“. Eine digital reife Organisation ist unternehmerisch und menschlich reif: Die Leute dort wissen, was sie tun, wofür und wozu sie es tun – und das "Womit“ (die Technologie) kennen sie auch. Man erkennt diese Reife oft daran, dass dort ein solides, ruhiges Handwerk betrieben wird. Da herrscht keine permanente Aufgeregtheit. Reife Unternehmen haben mehr mit bedächtigen Handwerksmeistern zu tun als mit Leuten, die ständig hysterisch vom "Neuen“ und "Zukünftigen“ predigen. Solidität ist extrem wichtig! "Können“ ist das wahre Zauberwort.

ICTkommunikation: Viele Diskussionen rund um KI kreisen um Risiken und Ängste. Warum plädieren Sie dafür, KI eher als Fortsetzung früherer Automatisierungswellen zu verstehen?

Wolf Lotter: Vor allem, um die Luft aus dieser oft sehr irrational und emotional geführten Diskussion herauszukriegen. Beim Begriff "Automatisierung“ verstehen die meisten Menschen sofort, dass es sich nicht um Teufelswerk handelt, sondern um die logische Fortsetzung eines Weges, den die Menschheit seit langer Zeit geht.

Aber zu den Risiken: Das zentrale Risiko sehe ich darin, die Technik nur als Spielzeug oder reine Unterhaltung zu verstehen und nicht als nüchternes Mittel, um echte Probleme zu lösen. Ich wünsche mir eine Industrie, der es nicht nur um Entertainment und Konsum geht, sondern um die Transformation der Gesellschaft. Eine Welt, in der schwere, monotone Arbeit Geschichte ist, in der Krankheiten geheilt werden und wir komplexe Probleme leichter lösen können. Ich habe da keine Allmachtsfantasien, aber ich glaube an die Vernunft.

Zu den Ängsten: Wir haben gesamtgesellschaftlich ein grosses Defizit in der technologischen Allgemeinbildung. Es gibt eine lange Geschichte von Vorurteilen gegen Technologie und Fortschritt, und vieles davon kocht heute wieder hoch. Einige malen den digitalen Frankenstein an die Wand. Und politisch lässt sich diese Angst leider sehr gut verwerten: Wer sich als "Kümmerer“ um die Ängstlichen annimmt, steht erst mal gut da. Nur, wie ich immer sage: Zu viel Kümmern sorgt am Ende für Verkümmerte. Das ist das Resultat falscher Prioritäten in unserer Bildung.

ICTkommunikation: Sie unterscheiden scharf zwischen "schwacher" und "starker" KI. Was macht für Sie den entscheidenden Unterschied in der praktischen Anwendung?

Wolf Lotter: Der Unterschied ist schlichtweg die Realität. Was wir technisch heute haben und anwenden, ist "schwache“ KI. Das sind gigantische, hochkomplexe Mustererkennungsmaschinen, die auf Wahrscheinlichkeiten basieren. Sie ist also keine "denkende“, fühlende oder bewusste Entität. Starke KI hingegen würde bedeuten, dass ein System menschliches Bewusstsein, echte Intentionalität und universelles Verständnis besitzt. Das ist aktuell reine Science-Fiction. Der entscheidende Punkt für die Praxis ist: Wenn wir schwache KI wie eine starke KI behandeln – ihr also blind vertrauen, ihr Autorität zuschreiben oder moralische Entscheidungen überlassen –, dann machen wir uns lächerlich und gefährden unsere Eigenständigkeit. Wir müssen die Werkzeuge als das behandeln, was sie sind: exzellente Assistenten, aber keine Götter.

ICTkommunikation: Inwiefern verändert KI die Rolle des Menschen in der Wirtschaft? Werden wir entlastet oder eher gefordert?

Wolf Lotter: Ganz klar: Beides, aber auf unterschiedlichen Ebenen. Wir werden massiv von der Routine entlastet. Der Mensch als biologischer Roboter am Fliessband der Verwaltung oder Datenverarbeitung hat ausgedient. Gleichzeitig werden wir aber intellektuell und charakterlich extrem gefordert. Wenn die Maschine das Abarbeiten übernimmt, bleibt für den Menschen nur noch das übrig, was wirklich menschlich ist: das Ungeplante, das Kreative, das Empathische, die strategische Richtungsentscheidung. Wir können uns nicht mehr hinter Formularen und Prozessen verstecken. Wir sind gefordert, Farbe zu bekennen und selbst zu denken.

ICTkommunikation: Damit sind wir beim Thema Wissensarbeit. Welche Skills werden in dieser KI-getriebenen Wirtschaft wirklich entscheidend sein?

Wolf Lotter: Eigenes Denken. Wie vorhin schon angedeutet: Wir brauchen genau die Leute, die heute in traditionellen Organisationen oft noch als "unrund“ empfunden werden. Die Talentierten, die auch mal Widerworte geben, die Dinge kritisch hinterfragen und eben nicht immer mainstreammässig mitlaufen. Konformismus war in der Fabrik gefragt, in der Wissensgesellschaft ist er ein gewaltiger Wettbewerbsnachteil.

ICTkommunikation: Sie sagen, echte Wettbewerbskraft muss sowohl wirtschaftlich tragen als auch menschlich bestehen. Warum tun sich so viele Organisationen schwer, genau dieses Gleichgewicht zu erreichen?

Wolf Lotter: Weil sie sich viel zu sehr an die Erfolge von gestern gewöhnt haben. Natürlich soll man stolz darauf sein, was man alles erreicht hat. Aber wenn das nicht mehr trägt, fangen viele an, das Gestrige zu verteidigen. Das ist der Abstieg. Ich muss die Erfolge von Gestern nutzen, um mir Luft für neuen Schwung zu verschaffen. Inventur machen, nachdenken, was brauchen meine Kunden, was brauche ich als Unternehmen? Ich meine damit nicht, Moden nachzulaufen, im Gegenteil. Ich meine ruhiges, besonnenes Nachdenken. Und viele Manager haben leider gelernt, dass es besser ist, aktionistisch mitzulaufen als den eigenen Weg zu gehen. Das geht nie gut – weder für die Firma, noch die Kunden – und erst recht nicht für einen selbst.

ICTkommunikation: Welche Rolle spielen Netzwerke, Wissensaustausch und Plattformen für eine erfolgreiche digitale Transformation?

Wolf Lotter: Eine absolut zentrale Rolle. Wenn sich Menschen nicht mehr austauschen, wenn sie einander nicht mehr erklären, was sie mit welchen Zielen machen, dann verstehen wir uns menschlich, fachlich und gesellschaftlich irgendwann nicht mehr. Die Zusammenhänge gehen verloren, und wir mutieren von wertvollen Spezialisten zu reinen Fachidioten. Dieses Problem der Silobildung steht meiner Meinung nach ganz weit oben auf der Problemliste unserer Zeit.

Netzwerke, lebendiger Wissensaustausch und branchenübergreifende Plattformen sind unerlässlich. Und zwar nicht, um in einer Filterblase ständig nur das zu bestätigen, was wir ohnehin schon meinen oder wissen, sondern um es in Frage zu stellen! So fordern wir unseren Geist heraus, unsere natürliche Intelligenz. Ein gutes Netzwerk ist das beste Gehirntraining, es ist quasi der Fitnessraum der natürlichen Intelligenz. Denkt in Ruhe nach und stellt Euch dann dem und den Anderen. Ein klarer Fokus, ein Thema,Das ist die beste Methode zum Erfolg.

ICTkommunikation: Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Was unterscheidet erfolgreiche von weniger erfolgreichen digitalen Gesellschaften in den nächsten zehn Jahren?

Wolf Lotter: Erfolgreich werden diejenigen sein, die bereit sind, die Realität nicht einfach nur passiv zu akzeptieren, sondern sie aktiv zu gestalten. Und vor allem jene, die die Gegenwart wirklich verstehen.

Schauen wir uns die Fakten an: Schon heute beträgt in den OECD-Staaten das Verhältnis von wissensbasierter Dienstleistung zu Industriearbeit, Landwirtschaft, Bau und klassischem Handwerk bei den Beschäftigten 3:1. Trotzdem reden viele Politiker und Manager immer noch so, als lebten wir in einer reinen Industriegesellschaft. Wir müssen gar nicht so sehr in wilde Science-Fiction-Visionen flüchten, sondern einfach in der Realität ankommen! Wir müssen fragen: Was gibt es heute schon an Technologien? Welche besseren Arbeits- und Organisationsmodelle brauchen wir genau jetzt dafür?

Denn nur unter passenden Bedingungen kann sich das gewaltige Potenzial der Digitalisierung auch wirklich entfalten – da sind sich die Experten seit vielen Jahren einig. Wir müssen vor allen Dingen unsere Sicht auf die Normalität, auf unsere Kultur, verändern. Und das ist viel schwerer, als einfach nur ein neues KI-Tool zu kaufen. Wir müssen Inventur machen, Klartext reden und endlich anfangen, Probleme zu lösen, anstatt sie nur bürokratisch zu verwalten. Dabei muss auch mal was ausprobiert werden, dafür braucht es Freiräume. Ein wenig Mut gehört zwingend dazu. Ich zitiere in diesem Zusammenhang gerne Clint Eastwood: "Wir reiten in die Stadt, der Rest ergibt sich!"

AI Mountain Summit in Laax
Wolf Lotter wird einer der Keynote-Redner des erstmals durchgeführten "AI Mountain Summit" sein, der am 28. Mai in Laax über die Bühne geht. Der Summit will Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik und Forschung zusammen bringen und Raum für strategische Diskussionen, praxisnahe Einblicke und persönlichen Austausch schaffen. Neben Lotter zählen etwa auch der Digital-Vordenker Sascha Lobo, Microsoft CTO Marc Holitscher, Sina Wulfmeyer (Chief Data Officer bei Unique AI) oder der Weisse Arena Chairman Reto Gurtner zu den Speakern.
Weitere Infos und Anmeldung: https://mountainsummit.ai/

Vordenker der Wissensökonomie: Wolf Lotter (Bild: zVg)
Vordenker der Wissensökonomie: Wolf Lotter (Bild: zVg)