Symbolbild: Pixabay/Vicki Hamilton

Die Schweizer Bevölkerung sieht in der Künstlichen Intelligenz gute Chancen, fordert aber mehr Kontrolle, Vertrauen und digitale Souveränität. Fast jede zweite Person (48 Prozent) erwartet, dass die Chancen von KI in den nächsten fünf Jahren die Risiken überwiegen werden. Gleichzeitig vertrauen 83 Prozent digitalen Diensten aber stärker, wenn sie "Made in Switzerland" sind, wie aus dem Digitalbarometer 2026 hervorgeht.

Damit zeigt der Digitalbarometer 2026 eine Bevölkerung, die den technologischen Wandel grundsätzlich mitgestalten will, gleichzeitig aber mehr Kontrolle, digitale Souveränität und klare Rahmenbedingungen fordert. Während das Vertrauen in Schweizer Lösungen hoch bleibt, wächst zugleich die gesellschaftliche Skepsis gegenüber den Folgen der Digitalisierung. Die Studie wurde von Stiftung Risiko-Dialog umgesetzt, von der Mobiliar unterstützt und erstmals in Partnerschaft mit Digitalswitzerland durchgeführt.

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung (58 Prozent) bewertet die digitale Infrastruktur dem Barometer zufolge als zentrale Stärke der Schweiz. Auch die wissenschaftliche Forschung (49 Prozent) sowie die Innovationskraft der Wirtschaft (45 Prozent) werden weiterhin mehrheitlich positiv wahrgenommen. Auffällig bei dieser Auswertung ist die verbesserte Wahrnehmung von Politik und Verwaltung: Während die digitale Verwaltung 2025 noch häufiger als Schwäche bewertet wurde, wird sie 2026 mit 41 Prozent der Nennungen positiver wahrgenommen.

Trotz dieser positiven Signale zeichnet sich ein Stimmungswandel ab. Die seit 2020 überwiegend positive Wahrnehmung des Einflusses der Digitalisierung auf die Gesellschaft dreht sich erstmals: 41 Prozent der Befragten bewerten diesen Einfluss heute eher oder sehr negativ, während ihn nur noch 34 Prozent eher oder sehr positiv einschätzen. Auch das persönliche Überforderungsgefühl wächst: 24 Prozent der Bevölkerung haben das Gefühl, mit dem Tempo der Digitalisierung grundsätzlich nicht mehr Schritt halten zu können. Diese Zahlen zeigen: Die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung werden zunehmend kritisch bewertet.

"Wir befinden uns an einem Wendepunkt, was die Grundstimmung der Bevölkerung in Bezug auf die Digitalisierung betrifft. Angesichts der rasanten Geschwindigkeit, mit der technologische Entwicklungen voranschreiten, dem weiterhin hohen Anteil von Menschen mit geringen digitalen Kompetenzen und dem zunehmenden Gefühl der Überforderung ist es wichtig, Ängste in der Bevölkerung ernst zu nehmen, Misstrauen zu adressieren und in Bildungsinitiativen zu investieren. Nur so kann es gelingen, die Chancen der Digitalisierung für die gesamte Gesellschaft nutzbar zu machen", sagt Daniela Ramp, Projektleiterin bei der Stiftung Risiko-Dialog.

Dabei erwartet fast jede zweite Person (48 Prozent), dass die Chancen von KI in den nächsten fünf Jahren ihre Risiken überwiegen werden. Wobei der Barometer eine differenzierte Wahrnehmung offenlegt: Dort, wo KI bereits konkret eingesetzt wird, etwa in der Industrie und Produktion, werden die Potenziale deutlich positiver bewertet. Gleichzeitig bleibt die Bevölkerung insgesamt ambivalent. Nur 27 Prozent glauben, dass KI neue berufliche Chancen schaffen werde, und 47 Prozent erwarten deutliche Veränderungen in der Arbeitswelt, ohne zu wissen, wohin die Entwicklung führt. Besonders kritisch wird der Einsatz von KI in Bereichen bewertet, die direkt mit Menschen und sensiblen gesellschaftlichen Fragen verbunden sind, etwa im Bildungs- oder Gesundheitsbereich.

Erstmals hat der Digitalbarometer auch die KI-Kompetenzen der Bevölkerung erhoben. Wobei das Ergebnis überrascht: 80 Prozent schätzen sich im Umgang mit KI als reflektiert ein, erkennen aber auch gesellschaftliche Risiken, hinterfragen Inhalte und halten einen verantwortungsvollen Umgang für wichtig. Bei der konkreten Anwendung zeigen sich jedoch Lücken: Nur 53 Prozent fühlen sich sicher im praktischen Umgang mit KI-Tools, und rund die Hälfte weiss nicht, wo KI gezielt für Betrugszwecke eingesetzt wird. Zudem befürchten 74 Prozent, dass KI das kreative Arbeiten und das eigenständige Denken schwächen wird.

83 Prozent der Bevölkerung geben an, dass ein "Made in Switzerland"-Label ihr Vertrauen in digitale Dienste stärken würde. Ein EU-Label erreicht diesen Wert mit nur 53 Prozent nicht.

Besonders bei sensiblen Anwendungen wie der e-ID (56 Prozent) oder dem digitalen Patientendossier (58 Prozent) geniesst der Staat als Verantwortungsträger deutlich mehr Vertrauen als Privatunternehmen. Gleichzeitig bleibt die mangelnde digitale Unabhängigkeit mit 46 Prozent eine der grössten Schwächen.

59 Prozent befürworten desweiteren, dass die Schweiz neue Technologien wie KI aktiv fördere, um konkurrenzfähig zu bleiben – statt abzuwarten. Beim Datenschutz ist der Konsens sogar noch breiter: 76 Prozent priorisieren den Schutz persönlicher Daten vor dem Komfort digitaler Anwendungen. Und 69 Prozent befürworten strengere Regeln gegen Desinformation und Hassrede, auch wenn dies die Meinungsfreiheit einschränkt. Die Bevölkerung zeigt sich offen für die nächste Phase der Digitalisierung, knüpft diese jedoch an klare Bedingungen.