Philipp Rohe, Managing Partner, Retailsolutions (Bild: zVg)

SAP versucht seit längerem, seine Kunden für den Wechsel in die Cloud zu bewegen. Mit verschiedenen Programmen wie RISE with SAP oder Grow with SAP sollen Grossunternehmen wie mittelständische Firmen dazu gebracht werden, ihre On-Premise Lösungen zu migrieren oder in der Public Cloud neu aufzusetzen. Viele Kunden sind jedoch mit der Ausrichtung des Anbieters unglücklich, nicht zuletzt, weil mit dem Ende 2030 endenden Support für lokale ERP-Systeme auch der Zugang zu kommenden Innovationen des Herstellers entfällt, wie Philipp Rohe, Managing Partner von Retailsolutions im Interview unter anderem betont.

Interview: Karlheinz Pichler

ICTkommunikation: Herr Rohe, Sie sind mit ihrer in Zug domizilierten Firma Retailsolutions seit über zwanzig Jahren als SAP-Partner im Detailhandel tätig. Als Spin-off von SAP haben Sie nicht nur direkten Einblick in die Praxis der vielen SAP-typischen Grosskunden wie Coop, Migros und anderen Detailhändlern, sondern auch eine gute Sicht auf die Entwicklungen hinsichtlich der Cloud-Bemühungen des Herstellers. Könnten Sie uns etwas genauer erläutern, was die Cloud für SAP konkret in Bezug auf die Angebote RISE, GROW und Industry Cloud bedeutet?

Philipp Rohe: Im Grunde ist es so, dass diese Angebote Teil einer übergreifenden Strategie von SAP sind, um Kunden zum Umstieg in die Cloud zu bewegen und sich selbst als Cloud-First-Unternehmen zu positionieren. Mit "RISE with SAP" zielt SAP vor allem auf grössere Unternehmen ab, um deren Migration in die Cloud zu erleichtern. Dabei bündelt SAP verschiedene Produkte und -Dienstleistungen in einem Paket, einschliesslich SAP S/4HANA Cloud. Im Grunde genommen ist das "Business Transformation as a Service", alles unter einem einzigen Vertrag für Software, Services und Infrastruktur. "GROW with SAP" hingegen richtet sich eher an kleinere und mittlere Unternehmen, um deren Einstieg in SAP-Cloud-Lösungen zu unterstützen. Und was die Industry Cloud betrifft, so bietet SAP branchenspezifische Cloud-Lösungen an, die auf die besonderen Anforderungen verschiedener Industrien zugeschnitten sind.

ICTkommunikation: Welche Flexibilität haben Kunden denn bei diesen verschiedenen Cloud-Optionen?

Philipp Rohe: SAP bietet verschiedene Möglichkeiten an, einschliesslich Public Cloud, Private Cloud und Hybrid-Modelle, um unterschiedliche Kundenanforderungen zu erfüllen. Das ist wichtig, denn jedes Unternehmen hat ja andere Bedürfnisse und Voraussetzungen.

ICTkommunikation: Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen der privaten und der öffentlichen Cloud im Kontext von RISE with SAP?

Philipp Rohe: Da gibt es einige wichtige Punkte. Die Private Cloud Edition ist eher für grössere Unternehmen mit komplexeren Anforderungen gedacht, während die Public Cloud Edition sich an kleinere und mittlere Unternehmen richtet, die auf Standardlösungen setzen. In der Private-Cloud-Umgebung kann man individuelle Anpassungen vornehmen, während die Public Cloud eine standardisierte Umgebung mit begrenzten Anpassungsmöglichkeiten bietet. Ausserdem hat man in der Private Cloud mehr Kontrolle über die Infrastruktur und Sicherheitsmassnahmen. Im Hinblick auf die Implementierung ermöglicht die Private Cloud sowohl Neuimplementierungen als auch Systemkonvertierungen, während die Public Cloud nur einen Greenfield-Ansatz zulässt. Und schliesslich gibt es auch Unterschiede bei der Erweiterbarkeit und den Kosten.

ICTkommunikation: Also hängt die Wahl zwischen privater und öffentlicher Cloud stark von den spezifischen Anforderungen des Unternehmens ab?

Philipp Rohe: Genau. Es kommt auf die Grösse, die Ressourcen und die individuellen Bedürfnisse des Unternehmens an. SAP möchte Kunden bei der digitalen Transformation und dem Umstieg in die Cloud unterstützen, hat aber erkannt, dass es "One Size Fits All" nicht gibt.

ICTkommunikation: Die DSAG, die deutschsprachige SAP-Anwendergruppe, fordert von SAP eine Garantie, dass Funktionen der S/4HANA Cloud Private Edition auch in S/4HANA On- Premise verfügbar sein werden. Was sagen Sie dazu?

Philipp Rohe: SAP versucht verstärkt, Kunden in eine Public Cloud zu bringen. Ziel ist es, die "Clean Core"-Strategie voranzutreiben und einen einheitlichen Core für alle Kunden zu schaffen. Heute kann jeder Anwender selbst am Core Anpassungen vornehmen, was einen sehr hohen Supportaufwand generiert. Sowohl bei SAP als auch bei den Kunden. Ist ein Kunde in der Public Cloud, so lassen sich die spezifischen Anforderungen durch SAP Industry Cloud Applikationen oder partner- und kundeneigene Erweiterungen in der SAP Business Technology Plattform realisieren. Beim Handel sind das zum Beispiel Prozesse im Replenishment, im ATP, der POS-Anbindung und der Kundenauftragsabwicklung. Somit würde der Kunde eine "Clean Core"-Kernfunktionalität, erweitert mit den jeweiligen Branchenapplikationen, einsetzen.

ICTkommuunikation: Können Sie das mit den Erweiterungen noch etwas genauer erläutern? Wie war das früher, und wie soll es in der Cloud funktionieren?

Philipp Rohe: Früher gab es kundenspezifische Erweiterungen über Business Add-Ins (BADI), Business Application Programming Interfface (BAPI), Enhancement Points und Module – also im Core von SAP. Diese erlaubten Erweiterungen, ohne den Core direkt zu modifizieren. Am Ende war es aber immer eine kundenindividuelle Lösung. Mit der Cloud will man das nicht mehr. Stattdessen soll es einen stabilen Core geben. Die Business Technology Platform soll es ermöglichen, Erweiterungen als Cloud-Lösungen zu entwickeln, die dann an den unveränderlichen Core in der Cloud angedockt werden können. Das reduziert den Wartungsaufwand für SAP und den Kunden erheblich, da nur SAP selbst am Core Änderungen vornehmen kann. So ist es für SAP auch möglich, neue Funktionalitäten öfter und gezielter auszurollen, ohne beim Kunden hohe Testaufwände zu generieren. In der Vergangenheit haben die Kunden diese "Releases" oft gesammelt und dann alle ein bis zwei Jahre in einem Projekt implementiert. Somit wurden Innovationen und Verbesserungen der SAP meist nicht zeitnah realisiert.

ICTkommunikation: Welche Herausforderungen gibt es denn typischerweise bei der Implementierung von GROW with SAP, und was sollten Unternehmen beachten?

Philipp Rohe: GROW with SAP richtet sich eben speziell an KMUs und setzt auf die Public Cloud. Da die Public Cloud einen geschützten Core mit standardisierten Prozessen bietet, sind die Anpassungsmöglichkeiten begrenzt. Somit ist die Implementierung ein Trade-off zwischen SAP-Standard und kundeneigenen Prozessen. Dies erfordert ein effektives Change-Management, um die Akzeptanz der Mitarbeiter sicherzustellen. Trotz dieser Punkte bietet GROW with SAP natürlich auch viele Vorteile, insbesondere für wachsende Unternehmen oder als ERP-Alternative für Tochterunternehmen. Denn eine Anbindung an andere SAP-Systeme ist per se gegeben.

ICTkommunikation: Das klingt nach einer klaren Strategie für die Public Cloud. Aber was ist mit den Grossunternehmen? Können die überhaupt in die Public Cloud gehen?

Philipp Rohe: Grossunternehmen werden wohl noch lange nicht in die Public Cloud gehen, sondern eine Private Cloud bevorzugen. Dies vor allem dann, wenn es sich wie in diesem Bereich oft, um langjährige Bestandskunden handelt. Diese haben ihre Systeme für ihre Prozesse optimiert und müssten dann beim Wechsel die meisten ihrer Erweiterungen in einer neuen Umgebung nachbauen. Dieser Aufwand käme oft einer Neuimplementierung gleich und/oder ist wirtschaftlich meist nicht vertretbar. Wichtig ist: "RISE" ist nur ein Vertragsmodell, keine Lösung an sich. Viele Grossunternehmen haben deshalb lediglich ihre Hardware zu einem Hyperscaler transferiert, ohne an der Software grössere Änderungen vorzunehmen.

ICTkommunikation: Gibt es denn aus Ihrer Sicht Probleme oder Bedenken bei dieser Strategie?

Philipp Rohe: Eine Herausforderung ist, dass Grosskunden nicht einfach von SAP wegkönnen. Es gibt schlicht keine betriebswirtschaftliche Software, die so stabil und umfangreich ist wie SAP. Aus meiner Sicht ist es aber so: Wenn alle in die Public Cloud gehen und ihre Lösungen andocken, wo ist dann noch der USP von SAP? SAP wäre dann eine agnostische Softwareplattform, die mit SAP-eigenen und/oder Cloudprodukten von SAP-Partnern assembliert wird. Also nicht mehr alles aus einer Hand mit einer klaren Supportstrategie für alle Produkte in dieser Kundenlösung. Neu bietet SAP aber mit der Business Data Cloud eine neue und attraktive Integrationsplattform an, um dies alles zu orchestrieren.

ICTkommuunikation: Sie sprachen die Lizenzmodelle an. Gibt es da auch Punkte, die Kunden beachten sollten?

Philipp Rohe: Ja, unbedingt. Man muss beim Wechsel in die neue Welt genau schauen, welche SAP- und Nicht-SAP-Komponenten man für die Abbildung der eigenen Prozesse benötigt und was die Integration dieser kostet. Oft sind auch SaaS-Lizenz-Modelle im Einsatz. Die Kosten dafür zielen auf den Datenaustausch und dessen Volumen. Setzt man auf die Integration von Nicht-SAP-Komponenten, kommt dies meist teurer zum Tragen. Hier muss SAP oder auch der RISE-Partner, wie retailsolutions, dann Aufklärung betreiben.

ICTkommunikation: Wie erleben Sie die aktuelle Situation bei Ihren Kunden im Detailhandel?

Philipp Rohe: Wir merken, dass die Kunden zurückhaltend sind mit Investitionen in Richtung Cloud, gerade weil vieles unklar ist. Unsere grossen Kunden haben so viel Custom-Code aus der Vergangenheit, den man nicht einfach loswerden kann. Eine Greenfield-Implementierung wäre viel zu teuer. Also macht man einen Brownfield-Ansatz und nimmt einfach fast das ganze Custom Coding mit nach S/4HANA. Damit ist man aber meilenweit vom Clean Core entfernt. Doch die Bestrebungen sind da, dorthin zu kommen. Dies kann aber nur evolutionär geschehen, um den riesigen technologischen Aufwand zu verteilen, der dem Business eigentlich nichts bringt.

ICTkommunikation: Abschliessend: Können Sie eine kurze Einschätzung geben, für wen welche Cloud-Variante am besten geeignet ist?

Philipp Rohe: Die Public Cloud ist eher für Neukunden oder Wechselkunden geeignet, Private Cloud eignet sich gut für Bestandskunden. Der RISE-Ansatz gilt für grössere Kunden und unterstützt die Nutzung der Private Cloud, GROW richtet sich dabei eher mit der SAP Public Cloud an den Mittelstand. Nach unseren bisherigen Erfahrungen empfinden die kleinen und mittelständischen Händler die Public Cloud noch als zu teuer. Zusammen mit den GROW-Partnern verhandelt SAP mittlerweile aber gute Modelle, um diesen sensiblen Markt zu gewinnen.

ZUR PERSON:
Philipp Rohe hat im Jahr 205 Retailsolutions als Spin-off von SAP mitbegründet. Als geschäftsführender Gesellschafter verantwortet er heute die Bereiche Vertrieb und Marketing. Da ihm der persönliche Kundenkontakt am Herzen liegt, ist er zudem weiterhin im Projektmanagement und in der Strategieberatung aktiv. Ursprünglich absolvierte Rohe ein Maschinenbau-Studium in Duisburg. Diese technischen Kenntnisse erweiterte er durch ein zweites Studium des Wirtschaftsingenieurwesens in Mannheim und Ludwigshafen um betriebswirtschaftliches Know-how. Seinen beruflichen Werdegang startete Philipp Rohe 1995 als Controller bei Mercedes Benz. Ab 1998 war er für SAP als Consulting Manager zunächst im Bereich Retail Solutions in Deutschland, später in der Schweiz tätig. Bis zum Jahr 2007 leitete er zahlreiche Projekte bei namhaften Handelsunternehmen.

Philipp Rohe, Managing Partner, Retailsolutions (Bild: zVg)
Philipp Rohe, Managing Partner, Retailsolutions (Bild: zVg)