Neues von der Openstack-Front

Bild: Openstack Summit Barcelona
Bild: Openstack Summit Barcelona

Konkurrenz belebt das Geschäft, so lautet einer der Merksprüche über die freie Marktwirtschaft. Das stimmt natürlich nur zum Teil – solange gleiche Markt- und Finanzierungschancen für alle Marktteilnehmer gelten und niemand über besondere Berechtigungen oder Monopole verfügt. Opensource-Bestrebungen geniessen auch deshalb so viele Anerkennung und – in der Praxis schon etwas weniger – wirkliche Unterstützung, weil man damit ganz öffentlich auf der besseren Seite steht. Asterix und die Gallier gegen die bösen Römer, oder eben “echte” Marktwirtschaftler gegen böse Monopolisten.

Wer möchte sich nicht schon mal etwas aus der Marktknechtschaft von Microsoft, IBM oder Oracle – modern ausgedrückt: dem “Log-in” in deren Produkte und Services – befreien? Da trifft es sich doch gut, in den Verkaufs- oder Update-Verhandlungen auf Opensource-Alternativen verweisen und mit dem einen oder anderen Deal drohen zu können.

Dumm nur, dass (nicht nur) die grossen Hersteller längst Opensource in seiner ganzen Bandbreite entdeckt und irgendwie in ihr eigenes Portfolio integriert haben. Keine der grossen Opensource-Communities, in der nicht IBM und Konsorten vertreten sind. Und dies nicht nur bei Opensource-beeinflussten Produkten, sondern auch bei der Finanzierung der verschiedenen Opensource-Foundations.

Die Openstack Foundation, 2012 aus einer Abspaltung des US-Herstellers Rackspace hervorgegangen, erfreut sich exzellenter Unterstützung von seiten vieler IT-Hersteller, und auch bei den prominenten IT-Anwendern ist man gut präsent – von Automobil- bis zu Telco-Konzernen. Halbjährlich stattfindende Veranstaltungen rund um den Globus versammeln einen Teil der aktiven Unterstützer aus der Welt der Firmen und viele der dort oder privat aktiven Entwickler. Die Openstack Foundation ist gut vernetzt bei IT-Profis und Herstellern. Und verfügt ūber reichliche Finanzquellen.

Und dennoch: In den letzten ein bis zwei Jahren ist ihr Glanz etwas eingetrübt worden. Das liegt zum einen daran, dass der Cloud-Ansatz mit starker Ausrichtung auf private Clouds in viele einzelne Infrastruktursegmente zerlegt worden ist, an deren Weiterentwicklung seit Jahren fortlaufend intensiv gearbeitet worden ist, die aber dennoch zu einem grossen Teil noch immer nicht richtig abgeschlossen sind. Das zwingt viele Anwender zu immer neuen Anpassungen und weiterer Implementierungsarbeit – eine Art perpetuum mobile. Ausserdem sind Anwender auf sehr viel Know-how in Entwicklung und Anpassung angewiesen, so dass sich hier viele Helferlein erfolgreich etablieren konnten – Mirantis, Red Hat oder Suse sind nur einige von ihnen. Das alles lässt sich natürlich sehr leicht als superlebendige Szene darstellen, verträgt sich aber nicht unbedingt mit dem Interesse von Unternehmen an fertigen Lösungen.

Hinzu kommen neue Entwicklungen auf der Opensource-Szene, die zum Teil Alternativen zu Openstack präsentieren, zum Teil aber auch völlig andere Themen in den Vordergrund des Interesses geschoben haben – wie zum Beispiel Devop, Container und Kubernetes. Das Interesse und die Möglichkeiten von IT haben sich damit zum Teil von den Leistungen der Infrastruktur auf die Software-Schiene verschoben. Container sind darūber hinaus eine handfeste Alternative zu virtuellen Maschinen (VMs), die viele Unternehmen aus dem (teuren) Lock-in an VMware und seine zum Standard gewordenen Lösungen befreien könnte.

Die Linux Foundation ist auf diesem Feld sehr geschickt vorangegangen und hat die Patronage über Container und unterstützende Angebote übernommen – siehe unsere Berichterstattung unter dem Titel Opensource wird Mainstream vom 30. Dezember 2018. Wir schrieben damals: “Unter dem Doppelnamen "Kubecon + Cloudnativecon" organisiert die Cloud Native Computing Foundation (CNCF) Veranstaltungen zu der breiten Thematik von Containern und Kubernetes in den USA, Europa und jüngst auch in China. Nachdem Google vor einigen Jahren sein Orchestrierungsprogramm für Container mit dem Namen Kubernetes der Linux Foundation übergeben hatte, ist es zu einem wahren Boom rund um die Container-Thematik gekommen. Mit der frei verfügbaren Software für den Bau und Einsatz von Containern und Kubernetes gibt es eine populäre – und gūnstigere – Variante zu der Virtualisierung, wie sie vor allem von VMware verbreitet worden ist. War schon die europäische Konferenz in Kopenhagen im Mai 2018 mit etwa 3.000 Besuchern gut besucht, stellte Seattle mit 8.000 Teilnehmern (und 2.000 Interessenten auf der Warteliste) einen bisherigen Rekord auf – gegenüber der Vorjahresveranstaltung in Austin ein Wachstum von 83 Prozent. Die Veranstaltungen der Openstack Foundation, die mit ihrer Infrastruktur- und Cloud-Orientierung eine gewisse Konkurrenz darstellt, wurden damit deutlich in den Schatten gestellt.”

Schon auf seiner Berliner Veranstaltung vom November 2018 hatte die Openstack einige Gegenmassnahmen gegen diesen Trend angekündigt. Man will in Zukunft die grossen Events “Open Infrastructure Summit” nennen anstatt wie bisher “Openstack Summit”, um sich deutlicher von der Konkurrenz abzugrenzen. Ausserdem wird der Begriff “open” noch weiter als bisher gefasst, und neben die schon traditionellen Infrastrukturkomponenten wie compute, storage und networking treten immer mehr Tools, die den Anwendern Installation und Integration aller Bausteine erleichtern sollen.

Schon auf der vorletzten internationalen Konferenz in Vancouver war “katacontainer” vorgestellt worden, eine Entwicklung, die Container mit Security-Funktionen von virtuellen Maschinen kombinieren will – ein ähnlicher Ansatz, wie ihn auch schon VMware selbst angeboten hatte mit dem Versprechen, “sichere Container gibt es nur abgekapselt in virtuellen Maschinen”.

Mit “Strategic Focus Areas” (SFAs) will man, wie Jonathan Bryce, Executive Director der Openstack Foundation (und Ex-Manager von Rackspace), ausführt, den Betrieb von Openstack unterstützen und vereinfachen. Dazu gehören “airship”, eine Sammlung von “loosely coupled” Tools zur Automatisierung von Cloud Provisioning und Life Cycle Management sowie zur Anbindung an die Kubernetes-Plattform, und “StarlingX” für die Integration von Edge Computing, also jener Rechenoperationen und Applikationen, die am Rand einer Unternehmens- oder Cloud-IT und nicht zentral durchgeführt werden.

Neu eingeführt in die Vielzahl von Openstack-Werkzeugen wurde ferner “Zuul”, eine CI/CD-Plattform, die Änderungen in verschiedenen Systemen und Applikationen zusammenführt, bevor sie gemeinsam in einem einzigen Patch freigegeben und installiert werden.

Obwohl die aktuelle Situation und viele einzelne Massnahmen und Ankündigungen der Openstack Foundation eigentlich dagegen sprechen, findet es Bryce eher “lächerlich, davon zu sprechen, dass es eine Konkurrenz zwischen verschiedenen Opensource-Ansätzen gibt”. Man arbeite eng mit anderen Opensource-Organisationen zusammen. Solche Aussagen erinnern jedoch nicht zufällig an die berühmte “Co-opetition”, die immer wieder von Top-Managern der IT-Industrie im Munde geführt wird – und zwar gerade dann, wenn man die liebe Konkurrenz mit allen erdenklichen Mitteln bekämpft. Opensource und klassische IT sind sich manchmal doch näher, als sie in ihren eigenen Aussagen verkünden.

Airship Diagramm Simplified Architecture
Airship Diagramm Simplified Architecture
Jonathan Bryce, Executive Director der Openstack Foundation (und Ex-Manager von Rackspace) (Bild: Openstack Summit Boston)
Jonathan Bryce, Executive Director der Openstack Foundation (und Ex-Manager von Rackspace) (Bild: Openstack Summit Boston)