Die am schnellsten wachsenden APIs (Quelle: Mulesoft)

Mit dem Kauf von Mulesoft im Jahr 2018 hat der SAP-Konkurrent Salesforce den bisher grössten Einkauf seiner Firmengeschichte hingelegt – 6,5 Milliiarden Dollar (ein Aufschlag von etwa 35 Prozent über dem damaligen geschätzten Marktwert des eher unbekannten Übernahmekandidaten). Das deutsche "Handelsblatt" kam anlässlich dieser Transaktion zu folgender Einschätzung: "Der Deal zeigt, dass Salesforce-Chef Marc Benioff den Konzern als Helfer für die digitale Transformation positionieren will. Die beiden Firmen 'werden es den Kunden ermöglichen, alle Informationen in ihren Firmen' zu vernetzen, erklärte er in einer Mitteilung – das erleichtere Innovationen radikal. Die Geschichte von Mulesoft reicht bis 2003 zurūck. Gründer Ross Mason arbeitete damals als IT-Entwickler auf Malta. Er ärgerte sich darüber, wie schwierig es war, zwischen verschiedenen Anwendungen Daten auszutauschen – bis seine Frau ihn beschied, etwas dagegen zu tun ..." (Handelsblatt, 21. 3. 2018)

Die Akquisition wurde anfangs misstrauisch beäugt und Benioff wegen seines "generösen Ausgabeverhaltens" des öfteren kritisiert. Der Aktienkurs von Salesforce sank sogar kurz nach der Übernahme um etwa fūnf Prozent. Inzwischen gilt Mulesoft als wichtiger Software-Bestandteil, der zum Wachstum der Subskriptionspolitik des Konzerns beiträgt. Benioff war offenbar bereit gewesen, den von manchen bis dato sogar als teuerste Übernahme der Software-Geschichte bezeichneten Kauf schnell über die Būhne zu ziehen – es soll nicht einmal einen Konkurrenten gegeben haben, der preislich mitzog.

APIs und Digitalisierung

Die Attraktivität von Mulesoft bestand darin, dass der Hersteller offenbar als einer von nur sehr wenigen Software-Anbietern in der Lage ist, die Digitalisierung und den Datenaustausch zwischen verschiedenen Anwendungen voranzutreiben. Als zweiter ernsthafter Konkurrent auf diesem Gebiet gilt lediglich Apigee Edge, 2016 für etwa 625 Millionen Dollar von Google übernommen.

Rüdiger Fabian, Area Vice President Germany & Austria bei Mulesoft, hat die grundlegende Problematik wie folgt umschrieben: "Bis vor kurzem war es möglich, alle relevanten Daten mit einem firmeneigenen Server zu beherrschen. Doch in der heutigen Zeit von Cloud-Speicher, Software as a Service (SaaS), mobiler Datennutzung und Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) müssen Daten und Applikationen mit unterschiedlicher Struktur unter einen Hut passen. Und auch die klassischen Kanäle der Informationsübertragung sind vielfältiger geworden. Wo seinerzeit der Scheck die alternativlose Zahlungsmethode war, werden Finanztransaktionen heutzutage häufig online, über mobile Anwendungen oder telefonisch abgewickelt. Mit Application Programming Interfaces (APIs) gelingt es, die ausufernde Komplexität eines heterogenen Datendschungels abzubauen und dadurch nutzerfreundlicher und beherrschbar zu machen. Der Nutzer sieht die benötigten Daten in einem intuitiven Interface, unabhängig von ihrem Speicherort. Er erhält auf einen Blick den Zugriff auf alle Datenquellen, die er benötigt – ohne dabei die Applikation wechseln zu müssen."

APIs oder Programmierschnittstellen erleichtern Entwicklern und Programmierern ihre Arbeit und ermöglichen Datenaustausch und -übertragung zwischen unterschiedlichen Applikationen. Salesforce hat sich mit der Akquisition von Mulesoft einen entscheidenden Player gesichert, dem in einer wachsenden Welt von komplexen und neuen Anwendungen eine wichtige Rolle zukommt.

Wie Fabian weiter ausführt, können sich Unternehmen durch den komplexitätsreduzierenden Charakter von APIs alle Vorteile einer diversen und stetig wachsenden Systemlandschaft leisten, ohne die eigenen Mitarbeiter und Prozesse im Datenlabyrinth zu verlieren: "Eine entscheidende Rolle bei der Wahl der richtigen API für das jeweilige Unternehmen spielen Probleme wie Skalierbarkeit und Kompatibilität mit grossen Anbietern wie SAP, IBM, Cisco oder Microsoft. Bringt einer dieser Anbieter einen neuen Standard auf den Markt, stellt dies Entwickler vor die Aufgabe, die Kompatibilität ihrer APIs zu den Neuerungen sicherzustellen. So war es lange Zeit ein grosses Problem, eine neue Anwendung wie SAP S/4Hana reibungslos zu integrieren."

Der besondere Ansatz von Mulesoft

Im Mittelpunkt steht bei Mulesoft die Anypoint Platform, die ein langfristiges API-Management und Integrationsfunktionen umfasst. Eine eigene Version nur für API Management ist ebenfalls verfügbar. Bereits 2019 brachte Mulesoft den Anypoint API Community Manager heraus, mit dem Unternehmen ein Ökosystem für API-Produkte schaffen können.

Für die Analysten von Gartner nimmt Mulesoft eine besondere Position ein, da man den API-Markt besser verstehe als andere Anbieter. Dies zeige sich auch durch die Unterstūtzung von Entwickler-Communities inner- und ausserhalb von Unternehmen. Auch nehme Mulesoft besondere Rücksicht auf gesetzliche Anforderungen in verschiedenen Regionen wie zum Beispiel in der EU im Gegensatz zu den USA. Gartner kritisiert allerdings die relativ hohen Preise und die geringe Präsenz ausserhalb der Schlūsselmärkte in Nordamerika, Westeuropa, Singapur und Australien. Dies ändere sich jedoch durch die Unterstützung von Salesforce und dessen Niederlassungen weltweit.

Der Markt für API-Anbieter
Die Nutzung von APIs und die Notwendigkeit, diese zu verwalten, nimmt rapide zu, angetrieben durch Remote Working, neue Plattformen, Ökosysteme, Innovationen, die digitale Transformation und gesetzliche Vorschriften. Gartner definiert den Markt für API-Management über den gesamten Lebenszyklus als den Markt für Angebote, die die Planung, das Design, die Implementierung, das Testen, die Veröffentlichung, den Betrieb, die Nutzung, die Versionierung und die Stilllegung von APIs unterstützen. Dieser Markt umfasst:
- Entwicklerportale für die Programmierung, das Marketing und die Verwaltung von Ökosystemen von Entwicklern, die APIs produzieren und konsumieren;
- API-Gateways für das Laufzeitmanagement, die Sicherheit und das Sammeln von Nutzungsdaten;
- Richtlinien für das Betriebsmanagement, die Sicherheit, die Formatübersetzung und die Erfassung von Geschäftsdaten;
- Analytics zur Erfassung technischer Metriken im Zusammenhang mit der Nutzung von APIs. Für das API-Management über den gesamten Lebenszyklus betrachten wir diese vier Funktionskategorien als zentrale Bereiche. Sie entsprechen einer oder mehreren der vier Phasen im Lebenszyklus einer API: Planung und anfängliches Design, Implementierung und Testen, Bereitstellen und Ausführen, Versionierung und Beendigung." (Quelle: Gartner, Magic Quadrant for Full Life Cycle API Management, 22. 9. 2020)

Salesforce-Chef Marc Benioff (Bild: zVg)
Salesforce-Chef Marc Benioff (Bild: zVg)
Gartner-Quadrant der API-Anbieter (Bild: Gartner)
Gartner-Quadrant der API-Anbieter (Bild: Gartner)
Einige der wichtigsten Mulesoft-Kunden (Bild: Mulesoft)
Einige der wichtigsten Mulesoft-Kunden (Bild: Mulesoft)