Adrian Ott, Chief Artificial Intelligence Officer von EY Schweiz (Bild: zVg)

Adrian Ott ist Chief Artificial Intelligence Officer von EY Schweiz und Partner im Bereich Digital Forensik. Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung in digitaler Innovation, Künstlicher Intellingenz (KI) und datengetriebenen Untersuchungen zählt er zu den führenden Experten für den verantwortungsvollen Einsatz von Künstlicher Intelligenz in hochregulierten Umfeldern. Im Nachfolgenden Interview gibt er Einblicke in die Top-Entwicklungen im Bereich der KI und wie Unternehmen KI strategisch nutzen können.

ICTkommunikation: Welche der Top-Entwicklungen im Bereich von Künstlicher Intelligenz wird aus Ihrer Sicht aktuell am meisten unterschätzt?

Adrian Ott: Bis vor kurzem galten Sprachmodelle als reine Textgeneratoren, die Muster nachahmen, aber nicht wirklich "denken". Die neusten Modelle können inzwischen mehrstufige Probleme durcharbeiten, Zusammenhänge herstellen und vermehrt mit komplexeren Datenformaten wie Tabellen oder visuellen Informationen umgehen. Da diese Fortschritte oft im Hintergrund passieren und die Qualität für bestimmte Aufgaben von heute auf morgen sprunghaft zunehmen kann, werden sie in vielen Unternehmen schlicht nicht wahrgenommen. Deshalb sind kontinuierliche Schulungen für Mitarbeitende umso wichtiger, sonst bleibt die Nutzung auf dem Stand von gestern stehen, obwohl die Technologie längst weiter ist.

ICTkommunikation: Welche AI-Entwicklung wird für Unternehmen am schnellsten vom "Nice-to-have" zum "Must-have", und warum?

Adrian Ott: Eines der grossen Themen sind agentenbasierte Systeme, die über einen längeren Zeitraum eigenständig an einer Problemstellung arbeiten und dafür bei Bedarf eigene Teams aus weiteren KI-Agenten zusammenstellen können. Der Durchbruch zeigt sich vor allem in der Softwareentwicklung und bei der Erstellung von Webseiten und Werkzeugen. Das sogenannte "Vibecoding" wurde letztes Jahr noch oft belächelt, doch inzwischen können auch Nicht-Techniker selbständig erstaunlich gut funktionierende Prototypen von Software oder Webseiten erstellen, während Powerpoint Slides immer öfters ersetzt werden. Allerdings können solche agentenbasierten Systeme schnell sehr teuer werden – und ohne klare Leitplanken verursachen sie mehr Kosten, als sie einbringen.

ICTkommunikation: Sie bewegen sich an der Schnittstelle von Innovation, Regulierung und Risiko. Bei welchem KI-Trend wird sich besonders deutlich zeigen, welche Unternehmen Governance ernst nehmen und welche nicht?

Adrian Ott: Zum einen zeigt es sich bei der grundsätzlichen KI-Adoption innerhalb der Firma, aber auch wie agil Unternehmen neue KI-Lösungen und Innovation umsetzen können. Dazu müssen viele Risiken bewältigt werden, weil sich generative KI-Modelle nach wie vor schwer kontrollieren lassen. Zu viel Kontrolle und umständliche Freigabeprozesse können genauso schädlich sein, wie wenn man Risiken ignoriert. Am Ende braucht es klare Verantwortlichkeiten und vor allem Fachleute, welche die Technologie verstehen und zwischen den verschiedenen Anspruchsgruppen vermitteln können, damit die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

ICTkommunikation: Viele Unternehmen nutzen KI heute primär für Effizienzgewinne. Welcher der kommenden Trends hat das Potenzial, Geschäftsmodelle wirklich grundlegend zu verändern?

Adrian Ott: Momentan erhalten grosse Sprachmodelle wie ChatGPT die meiste Aufmerksamkeit, aber KI erzielt auch in anderen Bereichen Durchbrüche. In der Pharmabranche etwa kann KI Wirkstoffe auf einzelne Personen zuschneiden und genetische Zusammenhänge entschlüsseln. Dadurch könnten Medikamente künftig nicht mehr für breite Patientengruppen entwickelt werden, sondern individuell – was das gesamte Geschäftsmodell der Branche umkrempeln würde. In der Robotik wiederum werden physische KI-Komponenten immer leistungsfähiger, was ganze Fertigungs- und Logistikketten verändern kann.

ICTkommunikation: Sie arbeiten bereits mit GenAI in forensischen Untersuchungen. Welche Entwicklung wird diesen Bereich in den nächsten Jahren am stärksten verändern?

Adrian Ott: Bei forensischen Untersuchungen im Bereich Wirtschaftskriminalität gilt es oft, riesige Datenmengen zu durchsuchen, um die relevanten Fakten zusammenzutragen. Heute arbeitet man häufig mit Stichwortsuchen und grossen Ermittlerteams, um der Datenflut Herr zu werden. KI schafft hier Abhilfe, weil grosse Sprachmodelle E-Mails und Dokumente automatisiert auswerten können und kontextuell zuverlässiger funktionieren als mit Stichworten nach beweisen zu suchen. In unseren eigenen Fällen konnten wir den Aufwand so um rund 80 Prozent reduzieren. Ergebnisse, für die früher ein vollständiger manueller Durchgang nötig war, liefert die KI in einem Fünftel der Zeit.

ICTkommunikation: Wir sprechen viel darüber, was KI kann. Sie gehen einen Schritt weiter: Wann wird es gefährlich, sich auf einen AI Agent zu verlassen?

Adrian Ott: KI-Agenten stecken grundsätzlich noch in den Kinderschuhen. Sie liefern manchmal hervorragende Arbeit und machen dann plötzlich Fehler, die für uns Menschen schwer nachvollziehbar sind. Ein Agent könnte beispielsweise eine Vertragsanalyse grösstenteils korrekt durchführen, aber eine entscheidende Klausel übersehen und das mit grosser Überzeugung präsentieren. Wenn dann noch KI-Agenten mehrstufig miteinander kommunizieren, können sich solche Fehler schnell exponentiell verschlimmern. Deshalb sollte man in agentenbasierten Systemen an allen kritischen Punkten eine menschliche Kontrollinstanz einbauen, vergleichbar mit der Aufsichtspflicht beim selbstfahrenden Auto.

ICTkommunikation: Im Umfeld von Cybersecurity und Investigation: Wird KI hier das Kräfteverhältnis eher zugunsten der Angreifer oder der Verteidiger verschieben?

Adrian Ott: Das ist schwer einzuschätzen. Man muss davon ausgehen, dass Angreifer Schwachstellen schneller und gezielter ausnutzen und automatisiert Schaden anrichten können. Die Art der Angriffe ändert sich nicht unbedingt grundlegend, aber die Geschwindigkeit und die schiere Menge sind problematisch. Eine gute Grundhygiene in der Informationssicherheit ist deshalb unerlässlich und auch dabei kann KI helfen, Schwachstellen aufzudecken und zu schliessen. Derzeit befinden sich die leistungsstärksten Modelle noch in den Händen der Verteidiger, wobei frei verfügbare Modelle rasch aufholen und dieser Vorsprung nicht als selbstverständlich gelten darf.

ICTkommunikation: Was unterscheidet ihren Erfahrungen zufolge Unternehmen, die frühzeitig von diesen Entwicklungen profitieren, von jenen, die den Anschluss verlieren?

Adrian Ott: Verschiedene Umfragen haben gezeigt, dass die Haltung und das Vorleben durch die Geschäftsleitung einen grossen Einfluss auf den KI-Reifegrad eines Unternehmens haben. Dabei profitieren Firmen, die Neues zulassen und in gesundem Mass auch gewisse Risiken eingehen, damit intern die nötigen Kompetenzen und Technologien aufgebaut werden können. Selbst wenn nicht jedes KI-Projekt sofort zum Erfolg führt, entstehen so die Strukturen und Fähigkeiten, um agil auf die neusten Entwicklungen reagieren zu können.

ICTkommunikation: Wenn Sie den Blick nach vorne richten: Was sollten Führungskräfte heute konkret tun, um auf die wichtigsten AI-Entwicklungen vorbereitet zu sein?

Adrian Ott: Es gibt nichts Wirksameres, als sich als Führungskraft immer wieder Zeit zu nehmen, bestimmte Aufgaben mit KI zu erledigen und so aus eigener Erfahrung zu lernen – auch wenn es manchmal nicht so funktioniert wie erhofft. Laufende Schulungen sind wichtig, weil die KI-Technologie durch ein einziges Modell-Update über Nacht Fähigkeiten entwickeln kann, die wenige Wochen zuvor noch undenkbar waren. Und es braucht zumindest eine KI-Strategie oder eine sichere Umgebung, in der Mitarbeitende KI nutzen können – damit sie nicht aus Frust auf private Werkzeuge ausweichen und dabei versehentlich vertrauliche Daten aus der Firma tragen.

ZUR PERSON:
Adrian Ott ist als Partner und Chief Artificial Intelligence Officer (CAIO) bei EY Schweiz tätig. Seine berufliche Laufbahn verbindet fundierte IT-Expertise mit den Bereichen Forensik, Risikomanagement und künstliche Intelligenz. Er absolvierte an der ZHAW School of Management and Law ein Studium der Wirtschaftsinformatik, das er mit einem Bachelor of Science (BSc) abschlos. In früheren beruflichen Stationen war er als IT Project Manager Trade Finance Systems für die Credit Suisse und als Head of ICT and Forensic Technology Services für die Bundesanwaltschaft Schweiz tätig. Seit 2017 ist er bei EY Schweiz unter Vertrag. Nach verschiedenen Positionen wurde er 2024 zum Chief Artificial Intelligence Officer (CAIO) von EY Schweiz (zusätzlich zu seiner Rolle als Partner) ernannt. In dieser Funktion verantwortet er die strategische Ausrichtung, die Implementierung und das Risikomanagement rund um das Thema künstliche Intelligenz innerhalb des Unternehmens sowie für dessen Kunden.

AI Mountain Summit in Laax: Adrian Ott wird einer der Keynote-Redner des erstmals durchgeführten "AI Mountain Summit" sein, der am 28. Mai in Laax über die Bühne geht. Der Summit will Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik und Forschung zusammen bringen und Raum für strategische Diskussionen, praxisnahe Einblicke und persönlichen Austausch schaffen. Neben Ott zählen etwa auch der Digital-Vordenker Sascha Lobo, Microsoft CTO Marc Holitscher, Wolf Lotter, Wirtschaftsjournalist, Autor und einer der prägenden Vordenker der Wissensökonomie, Sina Wulfmeyer, Chief Data Officer bei Unique AI oder der Weisse Arena Chairman Reto Gurtner zu den Speakern.
Weitere Infos und Anmeldung: https://mountainsummit.ai/

Adrian Ott, Chief Artificial Intelligence Officer von EY Schweiz (Bild: zVg)
Adrian Ott, Chief Artificial Intelligence Officer und Partner von EY Schweiz (Bild: zVg)