Mit einem Hightech-Anzug wollen Forscher der Universität Chicago das Training von Muskeln revolutionieren. An strategischen Stellen sind Elektroden angebracht, die Muskeln stimulieren, und dank Künstlicher Intelligenz (KI) können Menschen Aufgaben mühelos bewältigen, vor denen sie normalerweise hilflos stehen, beispielsweise Fenster öffnen, die mit einem speziellen Verschluss gesichert sind, oder Geräte reparieren, die sie noch nie gesehen haben.
Die Elektroden sorgen dafür, dass sich die jeweils richtigen Muskeln bewegen, um das Ziel zu erreichen. Dieses ist vorgegeben, den Weg dahin erarbeitet die KI, die auch die Muskeln steuert. Das geschieht mit Elektrischer Muskelstimulation (EMS). Das Verfahren wird in Fitnessstudios eingesetzt, um Muskeln zu trainieren, ohne dass sich der Nutzer selbst anstrengen muss - und auch wird es zur Rehabilitation eingesetzt, wenn sich Muskeln nach langer Krankheit zurückgebildet haben.
Das System der Universität Chicago von Pedro Lopez und seinen Doktoranden Yun Ho und Romain Nith soll Nutzer bei ungewohnten Aufgaben körperlich anleiten - ein grosser Schritt in Richtung einer universellen, kontextbezogenen, körpernahen Unterstützung, unterstreichen die Wissenschaftler.
EMS-Unterstützung ist bisher "hoch spezialisiert und kontextunabhängig", so die Entwickler. Mit anderen Worten: Die "Anweisungen" für die Muskeln passen nur zu den Situationen, die ein Entwickler vorausgesehen hat. Ist die EMS so ausgelegt, dass sie die Muskeln veranlasst, eine Sprühdose mit Farbe zu schütteln, funktioniert das gut. Geht es aber um eine Dose mit Speiseöl, wird auch diese geschüttelt, obwohl nur ein paar Tropfen in die Salatsosse geschüttet werden sollen.
Die KI des Anzugs aus Chicago erkennt dagegen den Unterschied und gibt die entsprechenden Anweisungen. Das neue System macht sich die Leistungsfähigkeit moderner multimodaler KI wie Bildverarbeitung und GPT-4-ähnlicher Schlussfolgerungen mit Computer Vision zunutze und verbindet Daten des Nutzers und der jeweiligen Situation zu einer massgeschneiderten Bewegungsanleitung. Das EMS improvisiert gemeinsam mit dem Nutzer sozusagen.
Bisher erklärt man einem Menschen, was er tun und wie er sich bewegen muss, um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Das neue System setzt diese Erklärung direkt in Befehle für Muskelbewegungen um. "Das könnte helfen körperliche Fertigkeiten zu erlernen, die für die Arbeit in Fabriken und den Umgang mit Musikinstrumenten nötig sind", sagt Lopez. Anfangs leiten KI und EMS die Bewegungen. Wenn sie "sitzen" kann der Nutzer sie allein ausführen.
