"Industrie 4.0 ist ein Change-Prozess, bei dem man kontinuierlich dazulernt!"

Benno Blum, Finanzchef der Afag Gruppe (Bild: zVg)
Benno Blum, Finanzchef der Afag Gruppe (Bild: zVg)

Die Afag Gruppe mit Sitz in Hergiswil ist ein traditionsreiches mittelständisches Industrieunternehmen, das Komponenten für die Automatisierung von Produktionsanlagen herstellt. Wachstumsbedingt sind die Anforderungen an die IT ständig gestiegen, insbesondere auch durch den Aufbau der Geschäftsbereiche in China und den USA. Um dem globalen Aspekt Rechnung zu tragen, entschied sich die Afag Gruppe, die IT-Agenden im Zuge eines Outsourcing-Projektes an die Oftringer GIA Informatik auszulagern. Im Interview erklärt CFO (Chief Financial Officer) Benno Blum die Strategie und die Weiterentwicklung in Bezug auf die Afag-IT.

Um die Digitalisierung strategisch und umfassend anzupacken, baute die Afag Gruppe eine eigenständige Digitalisierungsgruppe auf, die sich um die zukünftige Ausrichtung kümmert. Geleitet wird dieser Ausschusses von CFO Blum. Die entscheidenden Fragen kreisten darum, wie man das unternehmenseigene Wissen auf die weltweiten Standorte verteilen kann, wie die Produktdaten zum Kunden gelangen, wie die Afag Gruppe interne Verknüpfungen und Schnittstellen legen kann, um die Abläufe schneller zu machen und die Informationsflüsse zu verbessern, und wie die Datenarchitektur aussehen muss, damit die Organisation in der digitalen Welt bestehen kann.

ICTkommunikation: Welche strategischen Ziele peilt die Afag Gruppe konkret mit der Auslagerung der IT an?

Benno Blum: Wir entschieden uns, nur eine kleine eigene dezentrale IT-Abteilung aufzubauen. Im Markt gibt es spezialisierte IT-Unternehmen, die sich effizienter um Netzwerke, Datensicherheit oder Standortvernetzung kümmern. Aus diesem Grund war es uns wichtig, auf einen Partner zu setzen, der unsere Netzwerke, die Firewall und alle zentralen IT-Services betreibt, damit wir unsere Daten ablegen können. Wir selber kümmern uns um die Kernprozesse und die Software, alles Weitere lagerten wir aus. Ausser ein paar sehr grossen Dateien haben wir alles in die Datacenter von GIA verschoben. In den Projekten der Digitalisierung testen wir auch andere Formen der Datenhaltung.

ICTkommunikation: War es für Sie schwierig, den Entscheid fürs IT-Outsourcing gegenüber der Geschäftsleitung und dem Management als businessentscheidend zu verkaufen?

Benno Blum: Nein. Die Fragestellung lautete vielmehr: Bauen wir firmenintern selber Fachleute auf oder kaufen wir diese IT-Dienstleistungen ein? Derzeit und in Zukunft werden Cloud-Themen noch intensiver diskutiert. Bei uns stand der Entscheid für das IT-Outsourcing schnell fest, da wir andere Kernkompetenzen haben und unsere IT-Abteilung mit je einer Fachperson in Amberg/D und Huttwil schlank halten wollen. Ansonsten müssten wir eine ganz andere Organisation aufbauen.

ICTkommunikation: Welche Vorteile sehen Sie in der Hybrid-Cloud?

Benno Blum: Wir gewinnen damit an Flexibilität und verfügen über mehr Ressourcen. Mittlerweile haben wir eine Denkweise wie bei der Amazon-Datenbank: Wenn wir mehr Leistungen benötigen, fahren wir sie hoch. Wenn nicht, dezimieren wir sie wieder. Heutzutage steht die Geschwindigkeit im Zentrum.

ICTkommunikation: Die Afag ist ja ein SAP-Anwenderunternehmen. Wie steht es mit der Einführung von SAP S/4Hana?

Benno Blum: Den Wechsel auf die In-Memory-Datenbank Hana und SAP S/4Hana haben wir bewusst noch nicht vollzogen, da dies für mein Gefühl noch etwas zu früh ist. Dieses Projekt starten wir aber 2022. Ich bin davon überzeugt, dass sich SAP in dieser Zeit stark weiterentwickeln wird. Die Einführung nehmen wir wahrscheinlich im Greenfield-Approach vor. Dies darum, weil wir einige Altlasten aus dem SAP System loswerden möchten.

ICTkommunikation: Wieso setzen Sie grundsätzlich auf SAP?

Benno Blum: Wir setzen dort auf SAP, wo es uns als sinnvoll erscheint. Unsere Mitarbeitenden sind das System gewohnt, und da es sehr stabil und zuverlässig läuft, wollen wir nicht davon wegkommen. In den Bereichen, in denen SAP nicht so stark ist, verfügen wir über andere Produkte. Im CRM-Bereich arbeiten wir beispielsweise mit Salesforce.

ICTkommunikation: Haben Sie eine Kosten-Nutzen-Rechnung in Sachen IT-Outsourcing angestellt?

Benno Blum: Nein. Wir konzentrieren uns auf die Entwicklung neuer Produkte und Märkte in Nordamerika und Asien. Der Unterhalt und den Basisbetrieb der IT-Systeme verlagerten wir bewusst zu unseren Partnern, die in diesem Bereich effizienter und kompetenter unterwegs sind. Die Kosten prüfen wir jederzeit über einen Drittvergleich am Markt.

ICTkommunikation: Wie hat sich das IT-Budget der Afag in den vergangenen Jahren entwickelt?

Benno Blum: Es entwickelt sich nur in eine Richtung: Es steigt. In der digitalen Welt vereinfachen und automatisieren wir unsere Prozesse weiter. Hinzu kommen immer mehr neue Softwareprodukte und -dienste. Bedingt durch die Integration und Vernetzung unserer Standorte steigen die Kosten weiter an. Die zusätzlichen Kosten sollten entweder einen direkten Kundennutzen bewirken oder unsere Mitarbeitenden in ihrer täglichen Arbeit entlasten.

ICTkommunikation: Gibt es spezielle IT-Vorhaben, die Sie bald realisieren möchten?

Benno Blum: Ja, gleich mehrere. Derzeit läuft in Hardt/D ein SAP-Rollout. Ein weiteres Vorhaben beschäftigt sich mit den Seriennummern und der mobilen Logistik. Im Bereich Business Intelligence führen wir in diesem Herbst ein Proof of Concept durch. Das Projekt beinhaltet, unsere Daten weltweit zu harmonisieren und die vielen Excel-Auswertungen, die als kleines Unternehmen noch möglich waren, global zu vereinheitlichen. Ferner bestehen mehrere Projekte zu Produktdaten – beispielsweise: wie erhalten unsere Kunden Produktdaten? –, zur Datenarchitektur und zu Produktkonfigurationen.

ICTkommunikation: An welchem Punkt steht Ihr Unternehmen in Sachen digitale Transformation?

Benno Blum: Ganz am Anfang. Mit den verschiedenen Proofs of Concept versuchen wir unsere Mitarbeitenden für die Industrie 4.0 zu sensibilisieren. Schlussendlich ist dies ein Change-Prozess, bei dem wir kontinuierlich dazulernen müssen. Es ist wichtig, nun damit zu starten und unsere Mitarbeitenden auf diesem Weg zu begleiten.

ICTkommunikation: Welche technologische Entwicklung kann in Ihrem Geschäftsbereich wichtig werden?

Benno Blum: Für uns wird die Maschinenkommunikation – vermutlich in Kombination mit Big Data – in Zukunft eine grosse Herausforderung darstellen. Unsere Forschungs- und Entwicklungsabteilung arbeitet an intelligenten Produkten. In diese bauen wir kleine Prozessoren und Sensoren ein, um Rückmeldungen zu geben. Deren Daten sammeln wir und fällen darauf gestützt wichtige Entscheidungen, die unsere Produkte verbessern oder Serviceeinsätze auslösen. Des Weiteren gelang es uns, uns bei einem Forschungsprojekt der Europäischen Union (Horizont 2020) zu beteiligen: Das Projekt "Openmos" befindet sich an der Vorfront der europäischen Automationsindustrie. Es setzt sich zum Ziel, offene digitale Industrieplattformen zur Vernetzung von Automationskompetenten zu schaffen.

"FÜR UNS WIRD DIE MASCHINENKOMMUNIKTION IN KOMBINATION MIT BIG DATA IN ZUKUNFT EINE GROSSE HERAUSFORDERUNG SEIN!"
Benno Blum, CFO Afag Gruppe

ICTkommunikation: Gibt es ein IT-Produkt, das Sie persönlich besonders schätzen?

Benno Blum: Ich bringe viel Controlling-Erfahrung mit und arbeitete immer mit SAP. Deshalb liegt es mir am Herzen. Einem Unternehmen hilft es, seine Prozesse zu standardisieren und zu verbessern. Wir bei der Afag setzen auf die Stärken von SAP – wie etwa die Informationsdichte – und docken wo nötig weitere Softwarelösungen an.

Über die Afag Gruppe:

Die Afag Gruppe mit Sitz in Huttwil ist eine internationale Spezialistin für hochwertige Automatisierungskomponenten, Teilsysteme und Dienstleistungen. Afag entwickelt und produziert seit über 60 Jahren Komponenten für die Montageautomation in den Bereichen Zuführen, Handhaben und Transportieren. 

In den Niederlassungen in der Schweiz, in Deutschland, China und den USA beschäftigt die Organisation rund 300 Mitarbeitende. Dort entstehen Lösungen, die in allen produzierenden Branchen zum Einsatz kommen. Von Automotive über Konsumgüter, Lebensmittel, Maschinen, Medizin, Pharma und Kosmetik bis zur Uhrenindustrie. Die Afag verfügt zudem über Vertriebspartnern in über 30 Ländern.

Afag-Produkt: Das Unternehmen ist auf Komponenten für die Montageautomation in den Bereichen Zuführen, Handhaben und Transportieren ausgerichtet
Afag-Produkt: Das Unternehmen ist auf Komponenten für die Montageautomation in den Bereichen Zuführen, Handhaben und Transportieren ausgerichtet

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