Die Naturenergie Holding mit Zentrale in Laufenburg (CH) erzeugt und vertreibt als deutsch-schweizerisches Unternehmen erneuerbare Energie aus Wasser- und Sonnenkraft. Darüber hinaus bietet die Unternehmensgruppe ganzheitliche Energielösungen in den Bereichen Photovoltaik, Wärme, Bauen und Wohnen sowie Elektromobilität. Die Naturenergie Holding beschäftigt rund 1500 Mitarbeitende, davon etwa 65 Lehrlinge, und erwirtschaftete in 2024 einen Umsatz von 1,7 Milliarden Euro. Naturenergie ist ein gestandenes SAP-Anwenderunternehmen, setzt aber im HR-Bereich auf Workday. Vito Sarda, Teamleiter HR Digitalisierung & Analyse sowie Workday Product Owner bei Naturenergie, erläutert im Interview, wie ein gezielter KI-Einsatz die HR-Prozesse entlasten kann, gleichzeitig aber die strategische Relevanz der HR-Abteilung erhöht.
Interview: Karlheinz Pichler
ICTkommunikation: Naturenergie ist ein gestandenes SAP-Unternehmen, das seit zweieinhalb Jahren im HR-Bereich auch Lösungen des US-amerikanischen Softwareanbieters Workday zum Einsatz bringt. Welche Bereiche decken Sie konkret mit Workday funktional ab?
Vito Sarda: Derzeit setzen wir in Workday die folgenden Module ein: Recruiting, Talent, Performance, Core HCM, Learning, Advanced Compensation und Planning.
ICTkommunikation: SAP bietet auf der Basis von SAP BTP und SAP Success-Factors HCM Suite ebenfalls KI-Lösungen für das Personalwesen an. Warum setzen Sie in diesem Bereich trotzdem auf Workday?
Vito Sarda: Gute Frage: Die umfassende Evaluierung einer neuen Lösung fand noch vor meiner Zeit statt. Bei der Auswahl konnte sich Workday insbesondere durch folgende Punkte durchsetzen:
• Hohe Flexibilität in der Konfiguration und Anpassung an unsere Bedürfnisse
• Moderne Benutzererfahrung für HR, Mitarbeitende und Führungskräfte
• Das Prinzip "Alles aus einer Hand", d. h. eine einheitliche Plattform ohne Insellösungen
Diese Kombination war für uns entscheidend, um eine zukunftsfähige und integrierte HR-Lösung aufzubauen.
ICTkommunikation: Naturenergie befindet sich auf Wachstumskurs und braucht ständig neues Personal. Setzen Sie bei der Rektrutierung bereits auf KI? Oder wie läuft die Suche nach Talenten aktuell bei Ihnen ab?
Vito Sarda: Tatsächlich setzen wir im Recruiting derzeit noch nicht aktiv auf KI-Technologien. Stattdessen nutzen wir Workday als konzernweites Standard-Tool für den gesamten Rekrutierungsprozess von der Personalanforderung über die Stellenausschreibung bis hin zum Bewerbermanagement. Durch diese vollständig digitale und nahezu papierlose Abwicklung konnten wir einen effizienten, transparenten und skalierbaren Prozess etablieren, der uns insbesondere in Wachstumsphasen bereits spürbar entlastet und unterstützt hat.
ICTkommunikation: Workday hat mit "Illuminate" eine neue ganz Generation von KI-Technologie im Portfolio. Werden Sie künftig auch "Illuminate" verwenden?
Vito Sarda: Aktuell befinden wir uns in der Phase, in der wir konkrete Use Cases identifizieren und priorisieren, um den potenziellen Mehrwert dieser Funktionen fundiert bewerten zu können. Dabei gilt für uns ganz klar: Wir prüfen den Einsatz gezielt und nur dort, wo er wirklich sinnvoll ist und eine spürbare Entlastung bringt. Der Fokus liegt auf praxisnahen, wirksamen Anwendungen und nicht auf Technologie um der Technologie willen.
ICTkommunikation: Grundsätzlich scheint der Bereich HR jedoch besonders für den KI-Einsatz prädestiniert zu sein. Wie sehen Sie hier die künftige Entwicklung? Werden die HR-Prozesse mit Hilfe von KI vollständig durchautomatisiert? Sind die HR-Abteilungen künftig überflüssig?
Vito Sarda: Der HR-Bereich bietet tatsächlich ein enormes Potenzial für den gezielten Einsatz von KI, insbesondere bei Routinetätigkeiten und administrativen Prozessen. Gerade in diesen Bereichen kann KI spürbar entlasten, etwa durch automatisierte Dokumentenerstellung, intelligente Prozesssteuerung oder datengestützte Analysen. Aber genau das ist, aus meiner persönlichen Sicht, die grosse Chance für HR. Wenn repetitive Aufgaben durch Technologie übernommen werden, entsteht Raum für das, was wirklich zählt, den fokussierten Dialog mit Mitarbeitenden, die Begleitung von Entwicklung und das Gestalten einer sinnstiftenden Unternehmenskultur. HR wird also nicht überflüssig im Gegenteil. Die Rolle verändert sich und gewinnt an strategischer Relevanz, weil mehr Zeit für die Themen bleibt, die Menschen und Organisationen nachhaltig voranbringen.
ICTkommunikation: Sind für dieses Jahr – neben den laufenden – neue IT-Projekte in der Planung? Stichwort etwa "Workday"?
Vito Sarda: Absolut, wir entwickeln die Anwendung laufend weiter. Workday bringt mit seinen regelmässigen Releases kontinuierlich neue Funktionen und Verbesserungen mit, die wir laufend evaluieren und, wo sinnvoll, implementieren. Ein zentrales Ziel ist es, Workday innerhalb der Gruppe noch stärker zu etablieren und die Nutzererfahrung für Mitarbeitende und Führungskräfte gezielt zu verbessern. Denn Workday ist für uns nicht nur ein HR-System, sondern ein umfassendes Organisations- und Steuerungstool. Darüber hinaus prüfen wir, wie wir Workday besser in unsere bestehende IT-Landschaft, insbesondere Microsoft Teams, integrieren können, um die tägliche Arbeit noch nahtloser zu gestalten.
ICTkommunikation: Zum Workday-Software-Komplex gibt es in der Schweiz ja auch, so wie in anderen Ländern, eine regionale User Group. Was für einen Nutzen beziehen Sie aus dieser Community und gibt es einen Austausch mit anderen Ländern? - Wie gross sind die Möglichkeiten, auch direkt beim Hersteller Workday Vorschläge einzubringen?
Vito Sarda: Ich schätze die Workday Community sehr, sie ist für mich weit mehr als nur ein fachlicher Austausch. Es ist ein Kreis von Gleichgesinnten, mit denen man eine gemeinsame Leidenschaft teilt. Der persönliche, regelmässige Austausch macht nicht nur fachlich Sinn, sondern auch richtig Freude. Über die Zeit sind daraus sogar Freundschaften entstanden. Auch der direkte Kontakt mit Workday ist sehr unkompliziert und angenehm. Besonders über die Community hat man viele Möglichkeiten, sich aktiv einzubringen. Die Zusammenarbeit erfolgt auf Augenhöhe, und Vorschläge oder Rückmeldungen werden ernst genommen und oft gemeinsam weitergedacht. Darüber hinaus stehen wir auch ausserhalb der offiziellen Community regelmässig im Austausch mit anderen Unternehmen. Dieser offene Dialog ermöglicht es uns, wertvolle Insights zu teilen, voneinander zu lernen und gemeinsam neue Ideen zu entwickeln. Als binationales Unternehmen sind wir zusätzlich regelmässig bei Veranstaltungen in Deutschland mit Partnerfirmen vertreten, das ist für uns jedes Mal ein Highlight und eine tolle Gelegenheit, das Netzwerk weiter auszubauen.
ICTkommunikation: Wo sehen Sie selber künftig die grössten Herausforderungen für die Unternehmensinformatik und HR-Bereich im Besonderen?
Vito Sarda: Eine der grössten Herausforderungen wird aus meiner Sicht die Balance zwischen technologischem Fortschritt und menschlicher Nähe sein. Die Unternehmensinformatik entwickelt sich rasant weiter, mit Themen wie KI, Automatisierung, Datenanalyse, oder Self-Service-Plattformen. Diese Technologien bieten enormes Potenzial, gerade im HR-Bereich, um Prozesse effizienter zu gestalten und bessere Entscheidungen zu ermöglichen. Gleichzeitig steigt aber auch der Anspruch, den Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren. Es geht künftig weniger um das Verwalten, sondern vielmehr um das Begleiten, Entwickeln und Stärken von Mitarbeitenden. HR wird zunehmend zur strategischen Drehscheibe für Unternehmenskultur, Leadership und Transformation. Für die Informatik bedeutet das, Systeme müssen nicht nur funktional, sondern vor allem anschlussfähig, integrativ und nutzerfreundlich sein, für Mitarbeitende, Führungskräfte und HR selbst. Der Schlüssel liegt darin, technologische Möglichkeiten klug einzusetzen, ohne die emotionale und kulturelle Dimension zu vernachlässigen.
ZUR PERSON:
Mit mehr als zehn Jahren Erfahrung in HR-IT, digitaler Transformation und HR-Analytics verantwortet Vito Sarda bei der Naturenergie Holding die Einführung, Weiterentwicklung und Steuerung gruppenweiter HR-Systeme. Sein Schwerpunkt liegt auf der Implementierung und Optimierung von Workday-Lösungen sowie auf dem Management von HR-Digitalisierungsprojekten. Berufliche Stationen führten ihn unter anderem zu Naturenergie, der Baumann Group, Novartis und PwC. Er verfügt über einen Bachelor of Science in Betriebsökonomie der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW und ist zertifizierter Lean Six Sigma Green Belt.


