Digitalisierung: Pharmaindustrie rückt näher zum Patienten

Symbolbild: Pixabay/Ulleo
Symbolbild: Pixabay/Ulleo

Europas Pharmaindustrie arbeitet fieberhaft daran, näher an den Patienten heranzukommen. Die Digitalisierung und ihre vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten bieten dazu reichlich Gelegenheit. Es ist aber auch die Folge neuer Geschäftsmodelle im Gesundheitsbereich und radikaler Veränderungen in den herkömmlichen Lieferketten durch das Eindringen externer Player wie Google Health und Co., wie etwa der Experte für Pharma und Life Science beim Managementberater Horváth & Partners betont.

Neben dem schon immer hohen Druck politischer und regulatorischer Einflussnahme auf die Branche sind es jetzt vor allem der Trend zur personalisierten Medizin und damit neue Behandlungsmuster, die viele Hersteller zum Handeln zwingen. Die grossen Blockbuster (eine Anwendung für alle Patienten) werde es in Zukunft wohl nicht mehr geben - auch bedingt durch die DNA-Dekodierung werden Medikamente und Therapien immer patientenspezifischer, das Leistungsportfolio also individualisierter und lokalisierter. Ein und derselbe Wirkstoff kann bei Patienten in Asien ganz anders funktionieren als in Europa, bei jungen Müttern anders als bei älteren Diabetikern, je nach Dosierung oder Zeitpunkt der Einnahme. Da gibt es viele Einflussfaktoren.

Hinzu kommt die Aufwertung des Patienten im Entscheidungsprozess. Informierte Patienten sind anspruchsvoller, wollen eine zweite und dritte Meinung hören - das hat Auswirkungen auf Hersteller und Grosshändler ebenso wie auf Krankenhäuser und Ärzte. Da Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente aber auch in Zukunft verboten bleibt, müssen sich Hersteller überlegen, wie sie die Patienten besser erreichen können. Unternehmen im Bereich Diabetes und Multiple Sklerose haben diese Aufgabenstellung als Erste erkannt und in Form von "Patientenhelfern" - etwa Apps mit Tipps und Hilfestellung für den Therapiealltag - bereits beantwortet.

Viel Aufholbedarf bei Digitalisierung

Trotz ausreichend "Spielgeld" (finanzielle Ressourcen) - in punkto Digitalisierung ist die Pharmabranche auf dem Weg hin zum Patienten kein echter Vorreiter, konstatiert Temmel. Investiert wird nach wie vor in Forschung & Entwicklung sowie in Marketing & Vertrieb, die Produktion dazwischen sei noch ein "Stiefkind", der Patient am Ende der Kette "ein Fremder". Da ist noch viel zu tun. Temmel: "Das Delta zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist riesig, der Weg von der Diagnostik zum Produkt weit. Organisation und Leistungsanspruch fallen in der Pharmaindustrie immer noch weit auseinander."

Neue Geschäftsmodelle "beyond drugs"

Ein weiteres Indiz für den Umbruch der Pharmabranche sieht Temmel in den zunehmenden Bestrebungen, neue Geschäftsmodelle und Erlösquellen entlang der Kernkompetenzen zu entwickeln, dabei gerne auch mit Kooperationspartnern. So kommt es inzwischen durchaus vor, dass sich einzelne Hersteller Gedanken über eigene Logistikketten machen oder gleich spezialisierte Apotheken, Kliniken, Präventions- und Rehabilitationszentren für ihre Produkte und Einsatzmöglichkeiten bauen, um näher zum Patienten zu kommen oder den Großhändler zu überspringen.

"Das gefühlte Unbehagen des einzelnen Patienten gepaart mit dem steigenden Sicherheitsbedürfnis ist definitiv ein Geschäftsmodell der Zukunft", erläutert der Berater. "Deshalb wird in der Branche auch auf Teufel komm raus vorwärts und rückwärts integriert." Dies äussert sich dann etwa in der Rückholung der outgesourcten Produktion, der Übernahme aufstrebender Biotech-Unternehmen und/oder der Lizensierung von Fremdprodukten oder Neu-Entwicklungen, wenn die eigene F&E-Pipeline leer ist. "Solange Geld da ist, wird expandiert. Da gibt es keine Grenzen."

Lokalisierte statt personalisierte Medizin

Die Gefahr, dass Märkte und Zielgruppen aufgrund der zunehmenden Personalisierung kleiner werden, bezeichnet Temmel als "Herausforderung, aber kein Risiko". Er gehe nicht davon aus, dass es generell zu einer "personalisierten Medizin" komme, viel eher denkbar sei eine "lokalisierte Medizin" - also Anpassungen an lokale (regionale) Märkte. "Der durchschnittliche indische Krebspatient ist eben ein anderer als der hiesige Krebskranke." Welche Unterschiede es im Einzelnen gibt und welche Relevanz diese für Therapie und Produktion haben, wird noch diskutiert. Sicher ist, dass sich auch die Industrie weiterentwickeln wird, wenn sich der Bedarf individualisiert, meint der Berater.

Schnittstelle als Patientenhelfer

Die grosse Frage für die Digitalisierungsbestrebungen der Pharmaindustrie ist, wie die zukünftige Schnittstelle zwischen Forschungslabors, Herstellern, Grosshändlern, Kunden und Patienten gestaltet werden soll. Eine "Patienten-App" ist dafür bestenfalls ein Service- und Marketinginstrument, aber noch keine Portallösung, wie sie etwa von Beraterseite eingefordert wird. Dafür gibt es schon Beispiele: Manche Unternehmen gehen schon heute soweit, dass sie die gesamte Bestellkette integrieren und so die Lagerbestände bei Grosshändlern und Kunden managen, so wie sie über eine App den Therapiefortschritt beim Patienten steuern - mit allen Konsequenzen.

Dazu braucht es - auch aus Patientenschutz-Sicht - jedenfalls mehr Kommunikation zwischen den einzelnen Stakeholdern, ist Temmel überzeugt. Die neue Digitalisierung ermöglicht mehr Durchblick und mehr Kommunikation. Die Frage sei bloss, wie man sie nutzt - und wem dies mehr nutzt: dem Hersteller oder dem Patienten.