Der Franken braucht ein digitales Abbild.  (Bildmontage: Adobe Stock / Anouk Schuler)

Digitale Geldformen gewinnen an Bedeutung – darunter Stablecoins, deren Wert an klassische Währungen gekoppelt ist. Sie könnten das Finanzsystem grundlegend verändern. Es erhebt sich die Frage, wie sich sicherstellen lässt, dass Geld auch in einer zunehmend digitalen und tokenisierten Welt stabil bleibt.

Geld wird immer digitaler und zunehmend tokenisiert. Bezahlen per Karte, Smartphone oder Onlinebanking ist längst Alltag. Gleichzeitig entstehen neue Formen von digitalem Geld, die mehr können als herkömmliche Bankeinlagen. Dazu gehören etwa Stablecoins, deren Wert möglichst stabil bleiben soll, digitales Zentralbankgeld und sogenannte tokenisierte Bankeinlagen. Letztere sind Bankguthaben, die sich als digitale Tokens auf einer Blockchain speichern und übertragen lassen. Diese Technologien eröffnen Möglichkeiten, die bisher nur eingeschränkt oder gar nicht verfügbar waren: Zahlungen rund um die Uhr, automatisierte Vertragsabwicklungen oder grenzüberschreitende Transaktionen ohne lange Ketten von Banken und anderen Vermittlern.

Für Hans Gersbach, Professor für Makroökonomie und Co-Direktor des KOF Instituts der ETH Zürich, steht dabei die Frage im Vordergrund, in welcher Form Geld künftig organisiert und bereitgestellt wird und welche Rolle Staaten, Banken und Technologieunternehmen dabei spielen werden und sollen. Stablecoins als geopolitisches Instrument

Besonders viel Aufmerksamkeit erhalten derzeit sogenannte Stablecoins. Das sind digitale Zahlungsmittel von privaten Anbietern, deren Wert an eine bestehende Währung wie den Dollar oder den Euro gekoppelt ist. Anders als Kryptoassets wie Bitcoin soll ihr Wert keinen Schwankungen unterliegen. Stablecoins ermöglichen Zahlungen innerhalb des Krypto-Ökosystems, können internationale Transaktionen vereinfachen und erlauben programmierbare Zahlungen über sogenannte Smart Contracts. Dabei handelt es sich um intelligente, selbstausführende Verträge auf einer Blockchain, die beispielsweise Rückerstattungen oder Vertragszahlungen automatisch auslösen, sobald bestimmte Bedingungen erfüllt sind.

Noch spielen Stablecoins im globalen Finanzsystem keine allzu grosse Rolle. Das könnte sich jedoch rasch ändern: Würden grosse Technologie- oder Zahlungsplattformen wie Alipay oder Apple Pay, Kreditkartenanbieter und Tech-Giganten digitale Währungen direkt integrieren, könnten diese ein Massenpublikum erreichen und Milliarden von Menschen könnten sie nutzen.

Die USA stehen der Entwicklung von Stablecoins deshalb nicht nur aus technologischen Gründen positiv gegenüber, sondern auch aus geopolitischem Interesse. Dollar-basierte Stablecoins könnten die internationale Bedeutung der amerikanischen Währung stärken und zugleich die Nachfrage nach US-Staatsanleihen erhöhen. "Die USA sehen Stablecoins auch als mögliches Instrument, um die Position des Dollars als internationale Leit- und Reservewährung zu sichern", erklärt Gersbach.

Für die Schweiz stellt sich deshalb die Frage, wie sie sicherstellen kann, dass der Franken auch in den Finanzinfrastrukturen der Zukunft eine wichtige Rolle spielt. "Die Schweiz muss dafür sorgen, dass in einem Finanzsystem auf Basis von tokenisiertem Geld verlässliche Zahlungsmittel in Franken verfügbar sind", sagt Gersbach. "Sonst drohen sich wichtige Teile der Finanzmarktinfrastruktur in Richtung Dollar oder Euro zu verlagern." Damit das gelingt, brauche es einen klaren gesetzlichen Rahmen, der klärt, welche Reserven für Stablecoins zulässig sind, welche Rechte die Nutzer:innen haben, wie transparent die Emittenten sein müssen und was bei einer Insolvenz passiert. Dies, ohne die Innovationskraft privater Anbieter abzuwürgen.

Als einen alternativen Weg zu Stablecoins sieht Gersbach die Modernisierung bestehender Bankeinlagen. Bei tokenisierten Bankeinlagen bleiben Guthaben – wie bei heutigen Bankkonten – Forderungen gegenüber einer Bank, werden jedoch als digitale Token auf programmierbaren Plattformen gespeichert und dargestellt. Dadurch liessen sich viele Vorteile neuer Technologien nutzen, ohne die bewährte Struktur des heutigen Geldsystems aufzugeben. "Ich gehe davon aus, dass in der Schweiz auch in Zukunft mit Franken bezahlt wird", ist Hans Gersbach überzeugt. "Offen ist nur, in welcher technischen Form wir ihn zukünftig verwenden."

Dieser Artikel beruht auf einem Interview, das im Magazin KOF Insights am 30. September erschienen ist.