Cloud-Computing ist in eine neue Phase eingetreten. Unternehmen bewerten Cloud-Investitionen zunehmend nach Geschäftswert statt nach reinen Kosteneinsparungen und nutzen dafür Kennzahlen wie Unit Economics (Kosten pro Service). Dies geht unter anderem aus dem "State of the Cloud Report 2026" hervor, den Flexera, Anbieter von SaaS-Managementlösungen für Cloud und hybride IT-Infrastrukturen, soeben veröffentlicht hat.
Die weltweite Befragung von mehr als 750 IT-Verantwortlichen zeichnet ein aktuelles Bild der Cloud-Nutzung in Zeiten steigender Kosten, wachsender Komplexität und der Debatte um digitale Souveränität. 63 Prozent der Befragten verfügen demnach bereits über ein Finops-Team und 64 Prozent messen den Erfolg am Nutzen für die Fachbereiche und am erzielten ROI. Gleichzeitig stärken viele Organisationen Governance und zentrale Steuerung. 71 Prozent betreiben laut Report inzwischen ein Cloud Center of Excellence (CCOE), unterstützt von Teams aus Finops und Software Asset Management (SAM).
"Die Cloud erreicht eine neue Reifestufe, und Unternehmen gewinnen zunehmend einen besseren Überblick über ihre Technologien und Kosten", sagt Brian Shannon, Chief Technology Officer bei Flexera. "Sie dient längst nicht mehr nur der Kostensenkung, sondern bildet heute die Grundlage für Wachstum und Innovation. Um diesen Wandel zu steuern, müssen Finops, IT-Asset-Management und Governance eng zusammenarbeiten. Vor allem da KI die Kostenstrukturen, Risiken und Anforderungen an die zentrale Kontrolle grundlegend verändert."
Der Wandel vom Kostenfaktor zum Werttreiber zeigt dem Report zufolge, dass die Cloud längst mehr ist als reine Infrastruktur. Die Verlagerung von Anwendungen in die Cloud und zurück (Cloud Repatriation), SaaS-Wachstum sowie der KI-Boom erhöhen die Komplexität moderner IT-Landschaften. Hybrid-Cloud bleibt dabei das dominierende Modell: 73 Prozent der Unternehmen kombinieren Public und Private Cloud, drei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Auch Multi-Cloud, also der parallele Einsatz mehrerer Anbieter, nimmt weiter zu und liegt inzwischen bei 88 Prozent. Nur 14 Prozent der befragten Organisationen setzen hingegen ausschliesslich auf Public Clouds und verzichten vollständig auf eigene Infrastruktur.
Hinter dieser Entwicklung stehe jedoch nicht zwingend eine bewusst geplante Strategie. Viele Unternehmen seien im Laufe der Zeit durch Fusionen und Übernahmen, gewachsene Anwendungslandschaften, SaaS-Verbreitung oder organisatorische Silos in komplexe Hybrid- und Multi-Cloud-Umgebungen hineingewachsen, heisst es. In anderen Fällen diene die Kombination verschiedener Cloud-Modelle gezielt dazu, Workloads je nach Anforderungen optimal zu platzieren.
Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:
--- Steigende Kosten und unnötige Ausgaben: Trotz neuem Fokus bleibt das Management der Cloud-Kosten für viele Unternehmen die grösste Herausforderung (85 Prozent). Bei 16 Prozent der Unternehmen bewegen sich die monatlichen Ausgaben für Public Cloud-Services zwischen 200.001 und 500.000 US-Dollar. Die Kosten hängen dabei stark von der Unternehmensgrösse ab: Im Mittelstand zahlen 69 Prozent der Unternehmen weniger als 50.000 US-Dollar pro Monat für die Cloud. Nach fünf Jahren Abwärtstrend ist zudem der Anteil verschwendeter Cloud-Ausgaben wieder leicht gestiegen: Fast ein Drittel (29 Prozent) der Investitionen liefert damit keinen messbaren Nutzen.
-- KI im Realitätscheck: Künstliche Intelligenz ist von der Experimentierphase in den operativen Einsatz übergegangen: 81 Prozent der Unternehmen nutzen laut Befragung generative KI. Allerdings liegt der Fokus nun stärker auf der sicheren und zuverlässigen Skalierung. Mehr als die Hälfte der Befragten sorgt sich bei KI-Projekten in der Cloud um Sicherheits- und Compliance-Risiken (53 Prozent). Die Qualität der Trainingsdaten (40 Prozent) bereitet ebenfalls Kopfzerbrechen. Gezielte Governance-Strukturen sollen vor allem grossen Unternehmen helfen: In 47 Prozent der Fälle gibt es dort dedizierte Verantwortliche oder Teams für die KI-Steuerung.
-- Azure in Europa vor AWS: Die grossen Public Cloud-Anbieter dominieren weiterhin den Markt. Amazon Web Services (83 Prozent) und Microsoft Azure (79 Prozent) liegen bei den aktiv betriebenen Workloads nahezu gleichauf. Google Cloud folgt mit deutlichem Abstand (48 Prozent) und auch Oracle Cloud Infrastructure (29 Prozent) sowie IBM Cloud (18 Prozent) spielen eine vergleichsweise kleinere Rolle. In Europa liegt Azure mit 80 Prozent klar vorn, gefolgt von AWS mit 75 Prozent. Insgesamt bleibt der Markt damit klar in der Hand weniger grosser Hyperscaler.
-- MSP im Wandel: Managed Service Provider (MSP) bleiben wichtige Partner im Cloud-Betrieb, richten ihr Angebot jedoch neu aus. Schwerpunkte liegen aktuell auf Services rund um Cloud-Security und Compliance (65 Prozent), SaaS-Management (55 Prozent) sowie KI-Beratung und -Strategie (44 Prozent). Gerade im Bereich KI planen viele Anbieter zudem, ihr Angebot zu erweitern (49 Prozent). Gleichzeitig ist die Abhängigkeit kleiner und mittlerer Unternehmen von MSPs von 48 Prozent auf 39 Prozent gesunken, vermutlich aufgrund von Budgetbeschränkungen.
-- Europa bei Nachhaltigkeit vorn: EU-Vorgaben rund um die CSRD wurden in den vergangenen Jahren teilweise gelockert, was den weltweiten Rückgang von Nachhaltigkeitsinitiativen erklären könnte. 2024 verfügten noch 48 Prozent der Unternehmen über ein definiertes Nachhaltigkeitsprogramm einschliesslich CO₂-Bilanzierung, im vergangenen Jahr fiel der Anteil deutlich auf 36 Prozent. Aktuell ist er wieder leicht auf 38 Prozent gestiegen. Europa bildet hier eine Ausnahme: Dort verstärkten Unternehmen ihre Initiativen sogar – von 43 Prozent im Vorjahr auf 47 Prozent. Das legt nahe, dass das Thema in Europa bereits tiefer institutionell verankert ist.


