In der Tech-Welt zeichnet sich der womöglich grösste Börsengang aller Zeiten ab. Das KI-Startup Anthropic, Entwicklerin des bekannten KI-Assistenten Claude, strebt laut einem aktuellen Bericht der Nachrichtenagentur Reuters eine Bewertung von mehr als zwei Billionen US-Dollar an. Damit würde das erst vor fünf Jahren von ehemaligen OpenAI-Forschern gegründete Unternehmen sogar den jüngsten Rekordbörsengang von SpaceX in den Schatten stellen.
Die Zahlen aus dem eingesehenen Börsenprospekt verdeutlichen jedoch die enorme finanzielle Wette, die das Unternehmen eingeht. Zwar explodierte der Umsatz im Jahr 2025 um das Zwölffache auf rund 4,6 Milliarden US-Dollar, gleichzeitig wies das Startup jedoch einen astronomischen Nettoverlust von 42 Milliarden US-Dollar aus. Ein Grossteil davon (rund 34 Milliarden Dollar) geht allerdings auf eine nicht zahlungswirksame buchhalterische Belastung durch wandelbare Finanzierungsinstrumente zurück. Aber auch das rein operative Geschäft schreibt tiefrote Zahlen: Der operative Verlust lag 2025 bei über 8 Milliarden US-Dollar.
Der Hauptgrund für das klaffende Defizit ist der unersättliche Hunger moderner KI-Modelle nach Rechenleistung. Allein im vergangenen Jahr verdreifachten sich Anthropics Ausgaben für Rechenleistung und IT-Infrastruktur auf 7,33 Milliarden US-Dollar – das entspricht mehr als der Hälfte der gesamten operativen Kosten. Und die Expansion fängt gerade erst an: Für die kommenden Jahre prognostiziert das Unternehmen vertragliche Verpflichtungen für Cloud- und Recheninfrastruktur im Wert von sagenhaften 518 Milliarden US-Dollar.
Ungewöhnlich für einen Börsenprospekt, aber passend zur DNA des Startups, ist der Fokus auf Sicherheitsrisiken. Rund 80 Seiten des Dokuments widmen sich potenziellen Gefahren. Anthropic warnt die Anleger explizit davor, dass hochentwickelte, autonome KI-Modelle in Zukunft existenzielle Risiken darstellen könnten, indem sie sich beispielsweise einer Abschaltung widersetzen oder Manipulations- und Erpressungsversuche starten. Erst vor Kurzem hatte Anthropic-Chef Dario Amodei die Tech-Gemeinschaft öffentlich dazu aufgerufen, das Tempo bei der Entwicklung neuer Fähigkeiten zu drosseln – auch wenn das Unternehmen zeitgleich mit neuen Modellen wie Opus 5.5 im Wettlauf mit OpenAIs GPT-6 Astra Schritt halten muss. Wobei OpenAI soeben angekündigt hat, GPT-6 Astra aus Sicherheitsgründen zu canceln.
Der Mega-Börsengang, der voraussichtlich nach den US-Zwischenwahlen im November stattfinden soll, wird zum ultimativen Härtetest für das Vertrauen der Wall Street in den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg des KI-Booms.
