Likes in Social Media gehen im Algorithmus eher unter (Bild: fernando zhiminaicela, pixabay.com)

Algorithmen, die Inhalte für Nutzer sozialer Medien aussuchen, wählen häufig Themen, die Überzeugungen der Adressaten widersprechen. Zu diesem Befund kommen die US-Forscher Ziv Epstein, Farnaz Jahanbakhsh und Michael Bernstein in einer Studie. Demnach reagieren die Algorithmen auf Kommentare der User. Diese äussern sich verstärkt zu Inhalten, die ihnen missfallen. In der Folge bieten die Algorithmen gerade jene Themen verstärkt an. Vor allem US-Bürger, die den Demokraten nahestehen, würden mit Informationen überschwemmt, die ihren Einstellungen zuwiderlaufen.

"Social-Media-Plattformen nutzen leistungsstarke Algorithmen, die aus einem riesigen Pool möglicher Inhalte Beiträge auswählen, die im Nutzer-Feed angezeigt werden sollen", schreiben Ziv Epstein vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), Farnaz Jahanbakhsh von der University of Michigan und Michael Bernstein von der Stanford University. Ihre Forschungsergebnisse haben sie vor Kurzem im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht.

X-Algorithmen etwa sagten die Wahrscheinlichkeit voraus, mit der ein Nutzer auf die Inhalte reagiert – also auf ein "Gefällt mir"-Symbol klickt oder kommentiert. "Anhand der Genauigkeit dieser Vorhersagen passen sie dann die Inhalte an, die sie beim nächsten Mal anbieten", so die Autoren. "Plattformen nutzen diese Interaktionen, um Tendenzen ihrer Nutzer zu erkennen."

Um die Werte zu messen, die in Beiträgen zum Ausdruck kommen, die eine Plattform für jemanden auswählt, haben Epstein, Jahanbakhsh und Bernstein ein Messinstrument entwickelt, das auf standardisierten psychologischen Klassifikationen basiert. Dieses haben sie anschliessend auf Feeds von 715 US-Nutzern von X angewendet.

Dabei stellten die Forscher fest, dass der X-Feed-Algorithmus am ehesten Beiträge hervorhebt, in denen es um die Wahrung von Traditionen, das Befolgen von Regeln oder die Gewährleistung der gesellschaftlichen Sicherheit geht. Beiträge über Fürsorge für andere, Sorge um Menschen in der Ferne, Zuverlässigkeit oder den Schutz der Natur werden hingegen am seltensten verbreitet. "Als wir diese Beiträge mit den Werten verglichen, die die Nutzer selbst geäussert hatten, stellten wir fest, dass der Algorithmus eher Beiträge förderte, die im Widerspruch zu den Werten der Nutzer standen, als solche, die mit diesen übereinstimmten."

Die Ursache liege darin, dass Nutzer auf Inhalte in erster Linie mit einem "Like" reagieren. Seltener verfassten sie eine Antwort, und wenn sie dies tun, widersprächen sie oft Beiträgen, die nicht ihren Werten entsprächen. Der X-Algorithmus gewichte seltene Antworten weitaus stärker als viele "Likes". Daher neige er dazu, einem Nutzer Beiträge anzuzeigen, die Werte der von ihm kommentierten Beiträge widerspiegeln – welche meist im Widerspruch zu seinen eigenen Werten stünden. Bei Demokraten sei dieses Schema viermal stärker ausgeprägt als bei Republikanern.

Die Plattformbetreiber sollten ihre Algorithmen überarbeiten, fordern die Autoren. "Unserer Ansicht nach sollten die Nutzer einer Social-Media-Plattform im Idealfall mehr Mitspracherecht in Bezug auf die Informationen haben, die ihnen angezeigt werden. Wenn Plattform-Entwickler, die Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger neue Instrumente schaffen können, die dieses Ziel fördern, können Plattformen vielleicht die Werte und Handlungen, die Menschen am Herzen liegen, besser unterstützen", so die Forscher abschliessend.