Wirtschaft muss Ressource „Mensch“ erkennen und bildungsmässig fördern

Verfasst von Karlheinz Pichler am 18.01.2017 - 08:15

Durch die Digitalisierung verschmelzen immer mehr Fach- und Führungsaufgaben, und es entstehen neue Aufgabenprofile. Wie den Veränderungen Rechnung getragen wird und welche Schwerpunkte in der Aus- und Weiterbildung gesetzt werden, verrät Prof. Stefanie Teufel, Ordinaria & Direktorin des IIMT (International Institut of Management of Technology) der Uni Fribourg, im Gespräch mit ICTkommunikation.

Interview: Karlheinz Pichler

ICTkommunikation: Es ist noch gar nicht so lange her, da galt die Devise, dass man für sich persönlich alle fünf bis sieben Jahre ein komplett neues Ausbildungsservicepaket knüpfen solle, um sich gleichsam für den Arbeitsmarkt persönlich neu zu erfinden. Gilt diese Devise auch heute noch?

Prof. Stephanie Teufel: Ein wichtiges Stichwort ist hier "Life Long Learning". Die Devise, sich konstant weiterzubilden, galt in der Vergangenheit und ist heute aktueller denn je. Gerade in einem komplexen Business-Umfeld, welches sich rasant verändert, wie zum Beispiel durch die zunehmende Digitalisierung, ist die entsprechende Aus- und Weiterbildung ein Muss, um den täglichen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen. Es geht primär nicht darum, sich neu zu erfinden, sondern sich das notwendige Wissen anzueignen und dieses zielführend einzusetzen. Es ist bekannt, dass Fach- und Führungskräfte in sämtlichen Branchen händeringend gesucht werden. Die Arbeitsmarktfähigkeit ist jedoch keine Frage des Alters sondern des vorhandenen Know-Hows.

ICTkommunikation: Im Unternehmensbereich nimmt das Thema Industrie 4.0 derzeit eine zentrale Rolle ein. Wenn man diesen Aspekt nun auf den Bildungssektor überträgt: Wie sieht es mit Bildung 4.0 aus? Wie wird Bildung 4.0 vom IIMT gehandhabt?

Prof. Stephanie Teufel: Die Digitalisierung im Bildungsbereich und insbesondere im Weiterbildungsbereich legt ein etwas anderes Tempo vor als in der Industrie, was nicht heissen soll, dass es Bildung 4.0 nicht gibt. Im Gegenteil, die gesamte Ausbildung und die damit verbundenen Lehrmethoden und vor allem auch die Bereitstellung der Lerninhalte werden durch die Digitalisierung beeinflusst. Bücher und Studienunterlagen sind verstärkt digital verfügbar. Dies ist der erste Schritt, der vom IIMT angeboten und von den Studierenden als mittlerweile mehrheitlich Digital Natives auch gefordert wird. Den Studierenden wird damit der Zugriff auf Lerninhalte bereits vor dem eigentlichen Kurs enorm erleichtert. Daraus ergibt sich beispielsweise als ein weiterer Schritt, dass sich die Kursabläufe völlig neu gestalten, hin zu einem interaktiven Erlebnis. Dabei gilt es nicht nur die wichtigsten Themen abzudecken, sondern auch die richtigen Dozierenden und Unterrichtsmethoden für den Wissenstransfer einzusetzen. Gleichwohl ist bei aller Digitalisierung hervorzuheben, dass das Networking und die Möglichkeit zum direkten Austausch zwischen den IIMT-Studierenden aus den unterschiedlichsten Unternehmen und dem internationalen Kreis der Dozierenden ein nicht zu unterschätzender Faktor ist.

ICTkommunikation: Industrie 4.0 bringt neue Herausforderungen für Mitarbeitende und Unternehmen und auch neue Kompetenzen. Zudem überlappen sich komplexe Fach- und Führungsaufgaben zunehmend, gerade auf mittlerer Karriere- und Kaderstufe. Wie kommen Aus- und Weiterbildungseinrichtungen wie das IIMT solchen neuen Anforderungen nach?

Prof. Stephanie Teufel:
Es ist in der Tat so, dass Fach- und Führungsaufgaben je nach Hierarchie-Stufe verschmelzen und dadurch neue Aufgabenprofile entstehen. Dies ist jedoch ein natürlicher Wandel, dem Rechnung getragen werden muss. Das IIMT bildet die Manager von morgen aus; ihnen werden die analytischen, fachlichen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten vermittelt, welche für den Erfolg in einem zunehmend komplexer werdenden Umfeld notwendig sind. Somit erhalten sie die Kompetenzen, um diese Herausforderungen rasch möglichst zu erkennen und zu meistern. Ein wichtiges Element am IIMT sind jedoch auch die Dozierenden und Industrie-Experten, welche durch konkrete 4.0 Praxis- und Fallbeispiele substanzielle Lösungsansätze bieten.

ICTkommunikation: Wie wichtig ist die digitale Kompetenz allgemein für die Mitglieder heutiger Management-Abteilungen und wie können sie diese konkret erlangen?

Prof. Stephanie Teufel: Die Digitalisierung ist heute, unabhängig der Position im Unternehmen, ein fester Bestandteil in einem jeden Geschäftsfeld. Auch Manager können sich dieser Tatsache nicht entziehen und müssen für die Zukunft bereit sein. Dies kann sowohl in Form von konkreten Weiterbildungen jedoch auch durch „on the Job“ Training erfolgen. Die Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) ist nicht nur der Treiber hinter den einzelnen Geschäftsaktivitäten, sondern auch ein Instrument, welches effizient und sinnvoll eingesetzt werden muss. Wichtig erscheint mir, dass dabei die Chancen der ICT aber auch die damit verbundenen Risiken erkannt werden, Stichworte sind Datenschutz, Cyber Risiken, Sicherheitskultur etc.

ICTkommunikation: Wo setzt das IIMT mittelfristig seine bildungsmässigen Schwerpunkte?

Prof. Stephanie Teufel: Das IIMT hat sich seit vielen Jahren auf die beiden Schwerpunkte „Information- und Kommunikationstechnologie“- und „Energie“ Management spezialisiert. Diese Schwerpunkte gewinnen zunehmend an Bedeutung, und werden auch am IIMT sowohl im Bereich der Weiterbildung als auch der Forschung verfolgt. Wichtigstes Ziel des IIMT ist jedoch, eine Weiterbildung auf höchstem Niveau mit top-aktuellen Inhalten und Experten aus der akademischen Welt und der Praxis anzubieten. Teilnehmende sollen Wissen und Erfahrung in vielen Fachbereichen erlangen und diese auch vernetzt anwenden können. Gross geschrieben wird zudem die Flexibilität der IIMT-Lehrgänge. Teilnehmende können und sollen sich massgeschneidert nach ihren Wünschen und in ihrem Tempo weiterbilden.

ICTkommunikation: Sehen Sie in den sogenannten MOOCs (Massive Open Online Courses) eher eine Konkurrenz oder eine Ergänzung zum Bildungsangebot des IIMT?

Prof. Stephanie Teufel: Auch am IIMT werden verschiedene Unterrichtsformen und –methoden angewendet. Die MOOC’s können durchaus eine Ergänzung zu anderen Unterrichtsmethoden darstellen. Am IIMT steht jedoch das Netzwerk jedes einzelnen im Vordergrund. Es ist überaus wichtig, dass sich die Studierenden und die Dozierenden untereinander austauschen. Hier haben die IIMT-Studierenden die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und auszutauschen und gleichzeitig ihr berufliches Netzwerk an Kontakten auszubauen. Aber auch für das IIMT ist es von grösster Wichtigkeit, in persönlichem Kontakt mit den Studierenden zu stehen. Nur so kann das IIMT sein Kursangebot auch den Wünschen seiner Kunden und dem Markt entsprechend anpassen und gestalten.

ICTkommunikation: Gibt es im Moment spannende Aus- und Weiterbildungsprojekte, die in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft durchgeführt werden?

Prof. Stephanie Teufel:
Wichtig ist, dass die Wirtschaft die Ressource „Mensch“ erkennt und diese auch entsprechend fördert. In den letzten Jahren haben viele Unternehmen den Weiterbildungsbedarf erkannt, welche für den Unternehmenserfolg notwendig sind. Mitarbeitenden stehen Weiterbildungsmöglichkeiten zur Verfügung und die Mitarbeiterentwicklung und –förderung hat an Bedeutung gewonnen. Es ist zu beobachten, dass Unternehmen nicht nur gezielt einzelne Mitarbeiter fördern, sondern breiter abgedeckte Schulungen in Form von Firmentrainings organisieren. Dies fördert nicht nur die Unternehmenskultur, sondern wirkt sich auch unterstützend in projektbezogenen Geschäftsaktivitäten aus. Für das IIMT sind seit Anbeginn spezialisierte Firmentrainings ein wesentlicher Eckpfeiler und auch für 2017 sind bereits entsprechend zugeschnittene Veranstaltungen geplant.

Prof. Dr. Stefanie Teufel, Ordinaria & Direktorin des IIMT der Uni Fribourg