Wie viele Super Big hält die IT-Industrie aus?

Verfasst von Hartmut Wiehr am 18.09.2017 - 11:25

Die Marktwirtschaft lebt ja bekanntlich von der freien Konkurrenz. Sagen zumindest die Wirtschaftswissenschaftler (und die Politiker). De facto sieht es etwas anders aus. In fast allen grossen Ökonomien gibt es Kartellgesetze und andere Regularien, die eine zu grosse Macht einzelner Konzerne eingrenzen sollen.

In der IT-Industrie ist der Trend zu beobachten, dass sich einige neue grosse Marktbeherrscher herausbilden, während ältere Konzerne an Einfluss verlieren. Im Bereich der sich immer mehr durchsetzenden Cloud-Angebote – private, public, hybrid – dominieren drei Firmen: Amazon AWS, Microsoft Azure und Google Cloud. Alle drei haben in den letzten Jahren ein starkes Wachstum hingelegt – AWS mit dem Angebot, auch vorübergehend IT-Workloads oder Speicherkapazitäten auslagern zu können, und das zu (vorgeblich) günstigen Preisen. Microsoft hat dieses Modell kopiert und es geschafft, viele Firmen aus der Windows- und Office-Welt in seine eigenen Cloud-Rechenzentren hinüberzuziehen. Und Google hat seine Erfahrungen und selbst entwickelten Technologien ebenfalls erfolgreich in ein Cloud-Modell übersetzt.

Alle drei bieten nicht nur Cloud-Lösungen an, sondern verfügen über ein jeweils riesiges Potenzial an sonstigen Produkten: Online-Shopping plus reale Ladenketten (Amazon plus Whole Foods, Microsoft mit Betriebssystemen plus Software plus Social Web à la Linkedin plus immer mehr Hardware, Google mit Suchmaschine inclusive Anzeigenverkauf plus Youtube, um nur ein paar Geschäftsbereiche beziehungsweise Akquisitionen zu nennen).

Und alle drei haben so viel Geld auf ihren Banken herumliegen, dass sie jederzeit ihre Imperien vergrössern können. Dies wirkt sich auf sehr viele Startups aus, die geradezu darum buhlen, mit ihren Technologien von den Super Big zur Kenntnis genommen oder gleich gekauft zu werden. Ein paar Investitionen dort, eine Übernahme hier – wie frei ist dieser Markt eigentlich noch?

Für die Käufer von Produkten aus der Startup-Szene bedeutet diese Situation, dass sie genau abwägen müssen, was sie erwerben und was daraus demnächst werden könnte.

Ein paar der ehemals ganz Grossen stehen inzwischen etwas mit dem Rücken zur Wand: IBM kämpft seit mehreren Jahren kontinuierlich mit sinkenden Umsätzen, EMC wurde von der viel kleineren Dell übernommen, HP hat sich in zwei Firmen aufgespalten (HPE und HP Inc.), wobei HPE ununterbrochen mit seiner internen Umorganisation (Rückzug aus dem Cloud-Geschäft) und Verkäufen immer neuer Teilbereiche beschäftigt ist (zum Beispiel der Service-Sparte). Andere wie Oracle oder SAP arbeiten kontinuierlich an ihrer Neuerfindung, haben aber den Vorteil, dass sich viele Kunden nicht aus der Lockin-Situation bei den Enterprise-Produkten befreien können.

Das Bild liesse sich erweitern: Apple, Samsung oder Huawei sind ebenfalls drei sehr grosse Konzerne, bekämpfen sich aber sehr stark auf dem Markt der Smart Phones. Das hat Folgen für die zahllosen Lieferanten – aber auch für die Kunden. Ein Durcheinander an Produkten, zum Teil extrem überteuerte Preise. Wer hier wirklich auf Dauer die Nummer Eins sein wird, ist noch nicht entschieden.

Kunden aus der Unternehmenswelt und aus dem privaten Bereich sind gut beraten, auf externes Wissen und auf entsprechende unabhängige Erfahrung zurückzugreifen. Eigentlich Riesenchancen für Consulting- und Analystenfirmen, sich Gehör zu verschaffen. Doch wie unabhängig sind eigentlich die Grossen dieser Branche – von Accenture über Gartner bis zu IDC oder McKinsey?