"Software-Engineering beinhaltet auch viele emotionale Aspekte!"

Verfasst von Karlheinz Pichler am 05.09.2017 - 10:47

Die 1999 in Basel gegründete Canoo, die mittlerweile zur IMTF-Gruppe mit Hauptsitz in Givisiez zählt, ist schwerpunktmässig auf Enterprise Application Engineering, UX/UI Design und Agile Software Development fokussiert. Nach Basel, Amsterdam und Mumbai (Indien) hat Canoo kürzlich auch eine Niederlassung in Zürich eröffnet. Michael Gassmann, Head Canoo Zürich, erläutert im Gespräch mit ICTkommunikation seine strategischen Ziele und wie er die Zürcher Dependence von Canoo zu einem profitablen Arm des Unternehmens führen will.

Interview: Karlheinz Pichler

ICTkommunikation: Sie leiten die im Mai in Zürich neu eröffnete Niederlassung von Canoo. Davor waren Sie für Netcetera tätig. Was hat Sie zum Wechsel zu Canoo veranlasst?

Michael Gassmann: Es passiert einem nicht alle Tage, dass man für einen solch vielseitigen Job angefragt wird. Es wurde mir sehr schnell klar, dass der Aufbau von Canoo Zürich für mich einer Aggregation verschiedenster Tätigkeiten gleichkommt, denen ich in den letzten 25 Jahren nachgegangen bin. Ausschlaggebend für den Wechsel war dementsprechend die Möglichkeit, als Head von Canoo Zürich eine weitgehend selbstständige Organisation aufbauen zu können - und dies auf den Schultern eines Mutterhauses, das sich seit seiner Gründung als Repräsentant für mich wichtiger unternehmerischer Grundwerte gezeigt hat.

Canoo und Netcetera sehe ich in sehr vielen Bereichen nicht als direkte Konkurrenten, sondern eher als mögliche Partner. Dementsprechend bin ich zuversichtlich, dass sich unsere Zusammenarbeit in den nächsten Monaten und Jahren intensivieren wird.

ICTkommunikation: Canoo hat das Büro in Zürich nicht zuletzt deswegen eröffnet, um näher bei den Kunden in diesem industriellen Grossraum zu sein. Können Sie eine erste Bilanz darüber ziehen? Was bringt diese Kundennähe konkret?

Michael Gassmann:
Canoo unterscheidet sich in ihrem Angebot von anderen Anbietern und ist deshalb eine gute Ergänzung zum aktuellen Zürcher Anbietermarkt. Wir haben in den letzten sechs Monaten eine erhöhte Brand-Awareness geschaffen und haben, unter anderem durch unsere Präsenz an verschiedenen Konferenzen, tolle neue Kollegen gefunden.
Wir verfügen nun über die notwendige Kapazität und nicht zuletzt auch geographische Agilität, bei unseren aktuellen und auch zukünftigen Kunden unkompliziert anzuklopfen – dies sowohl für die Diskussion von neuen Herausforderungen wie auch bei Eskalationen jedweder Art.

ICTkommunikation: Wie reagieren die Kunden darauf? Konnten Sie bereits Neukunden akquirieren?

Michael Gassmann: Die existierenden Kunden reagieren natürlich positiv. Für eine Zürcher Firma ist es angenehm zu wissen, dass der Entwicklungspartner oder Lieferant in der Stadt präsent ist.
Betreffend Neukunden ist es uns in der Tat gelungen, neue Kontakte in den Bereichen Fintech, Versicherungen, Medizinaltechnik und Energie-Engineering zu etablieren. Die Beziehungen zu bestehenden Kunden in Zürich konnten schon ausgebaut werden und ich rechne damit, dass wir bis Ende Jahr erste Umsätze mit Neukunden erzielt haben.

ICTkommunikation: Wird vom Zürcher Office aus auch die Ostschweiz mitbetreut? Namhafte Kunden von Canoo wie etwa Abacus oder Ad Cubum sitzen ja in St. Gallen.

Michael Gassmann: Aus Basler Sicht gehört St. Gallen natürlich zu Zürich...:-) Im Ernst: Das Zürcher Office betreut und entwickelt neben dem Zürcher auch den gesamten Ost- und Innerschweizer Markt. Dies gilt sowohl für Engineering- & Consulting- wie auch für Lizenzkunden.

ICTkommunikation: Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie aktuell im Zürcher Büro? Ist es nicht sehr schwierig, im Raum Zürich geeignetes Personal zu finden?

Michael Gassmann: Wir sind momentan ein Team von zehn „Canooies“. Die Teamgrösse wurde, ausgehend von einem existierenden Bestand an in Zürich wohnhaften Kollegen und Kolleginnen, im Laufe des Frühlings und Sommers verdoppelt. Wir sind in der glücklichen Lage, dass aufgrund unserer Positionierung und Visibilität innerhalb der internationalen Java-Community unsere Rekrutierungsaktivitäten sehr effektiv sind.

ICTkommunikation: Laut Eigenangaben von Canoo liegen die Hauptkompetenzen des Unternehmens auf Enterprise Application Engineering, UX/UI Design sowie agile Software-Entwicklung. Welche Gewichtung kommt diesen Bereichen innerhalb des Unternehmens zu? Mit welchen Bereichen können Sie speziell in Zürich punkten?

Michael Gassmann: Zürich als Technologiemetropole der Schweiz setzt in meinen Augen im Angebot von Canoo keine neuen Schwerpunkte. Allerdings ist es so, dass andere Softwarefirmen einen Teil unserer Kundschaft ausmachen. Infolge der Präsenz vieler Softwareunternehmen im Raum Zürich erwarte ich in diesem Kundensegment dementsprechend eine deutliche Zunahme.

ICTkommunikation: Auf der Homepage von Canoo ist zu lesen, „Canoo delivers 100%-End-User Happiness“. Ist das nicht ein wenig dick aufgetragen?

Michael Gassmann: In der Tat liegt hier die Aussage im Auge des Betrachters. Ich habe mit vielen Personen über unseren Claim „delivering end-user happiness“ gesprochen und es fällt auf, dass der Anspruch ganz unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert wird. Schlussendlich zeigt sich, dass der Claim beim Leser eine Saite zum Schwingen bringt – mal stärker, mal schwächer, mal reiner, mal verzerrter. Und dies ist gut. Denn Software-Engineering beinhaltet auch viele emotionale Aspekte. Ich übersetze den Claim gerne so: Wir liefern – und am Ende sind alle zufrieden.
Und was die 100 Prozent angeht: Es ist mir kein einziges gescheitertes Canoo-Projekt bekannt. Aber Sie haben recht: Das Zitat ist nicht ganz schweizerisch und hat eine provozierende Konnotation. Es unterstreicht aber auch unser Selbstbild, dass wir einen sehr starken Fokus darauf legen, wirkliche Lösungen zu liefern, welche unsere Kunden auch brauchen können – und nicht nur Spezifikationen zu erfüllen, die häufig ungenau sind. Manchmal ist es gut, wenn man sich ein wenig zum Fenster hinauslehnt. Gerade wenn man erfolgreich sein will - zum Beispiel zusammen mit einem Kunden.

ICTkommunikation: Canoo verfügt über vier Java-Champions in seinen Reihen. Was bringen diese dem Unternehmen konkret?

Michael Gassmann: Unsere Champions sind ein Ausdruck wichtiger Grundwerte der Canoo-DNA: Die Extrameile gehen, sich engagieren, nicht stehenbleiben, eine Meinung haben und diese auch vertreten – gegen Innen wie gegen Aussen. Canoo hat starke, unabhängige Mitarbeitende. Für das Unternehmen bedeutet dies, dass wir uns gerne fordern lassen wenn es darum geht, den aktuellen und zukünftigen Kollegen und Kolleginnen ein optimales Arbeitsumfeld und –klima zu bieten. Dies macht unser Unternehmen aus. Und unsere Champions haben in dem Sinne durchaus auch eine Botschafterfunktion. Am Ende des Tages aber krempeln auch sie die Ärmel hoch und lösen Herausforderungen: sei es beim Kunden vor Ort, in einem unsere Projektteams oder als Teil einer Produkteinitiative.

ICTkommunikation:
Wie sehen die mittelfristigen strategischen Ziele für Ihr Zürcher Canoo-Office aus?

Michael Gassmann:
Mir ist es wichtig, Canoo Zürich in absehbarer Zukunft als möglichst eigenständige Unternehmung zu etablieren. Eigenständig im Sinne eines umfassenden Angebotes – und natürlich auch als tragfähiger und profitabler Arm von Canoo - mit den gleichen Wertvorstellungen, aber grosser Unabhängigkeit. Diese wächst mit unserer Grösse. Dementsprechend ist ein kontinuierliches Wachstum eines meiner mittelfristigen Ziele. Im Weiteren ist es mir ein Anliegen, das Canoo-Team in Mumbai eng auch in unsere Zürcher Aktivitäten einbinden zu können. Eine Near-Shore-Operation in einer Off-Shore-Zeitzone nachhaltig zu unterhalten ist durchaus eine Herausforderung. Dank der permanenten und langjährigen Präsenz eines Mitarbeiters der ersten Stunde sind wir auf diesem Thema überdurchschnittlich gut unterwegs.

Michael Gassmann, Head Canoo Zürich: 'Manchmal ist es gut, wenn man sich ein wenig zum Fenster hinauslehnt.' (Bild: Canoo)