"Schweizer Unternehmen verlagern mehr und mehr kritische Workloads in die Cloud!"

Verfasst von Karlheinz Pichler am 24.11.2017 - 10:05

Amazon Web Services (AWS) ist seit etwas mehr als eineinhalb Jahre mit einer eigenen Niederlassung in der Schweiz präsent. Im Gespräch mit ICTkommunikation gibt Jim Fanning, Country Manager Schweiz und Central & Eastern Europe bei AWS, Einblicke in das aktuelle Verhältnis von Schweizer Unternehmen zur Cloud, wie es mit der Sicherheit der AWS-Cloud bestellt ist und wo die strategischen Schwerpunkte von AWS künftig liegen.

Interview: Karlheinz Pichler

ICTkommunikation: Amazon Web Services (AWS) hat im April des vergangenen Jahres ein Büro in Zürich eröffnet. Sie haben dann im Juli 2016 als Country Manager die Führung von AWS Schweiz übernommen. Was ist bisher in dieser Zeit passiert? Wie hat sich der Kundenstamm von AWS seit Ihrem Amtsantritt entwickelt?

Jim Fanning: Wir zählen bereits namhafte Unternehmen unterschiedlichster Branchen und Grössenordnungen, wie Swisstopo, Scott Sports, das Startup Beekeeper, Endress + Hauser, Iata oder die Neue Zürcher Zeitung und Novartis zu unseren Kunden. Natürlich erweitern wir ständig unsere Kundenbasis, auch gemeinsam mit unseren Partnern in der Schweiz. Unser Fokus liegt darauf, unseren Kunden dabei zu helfen, ihre Workloads in die Cloud zu verlagern und das wird auch in der Zukunft so bleiben. Denn, ähnlich wie in anderen Märkten, verlagern unsere Schweizer Kunden mehr und mehr kritische Workloads in die Cloud und nutzen dabei eine Vielzahl unserer mehr als 90 Cloud-Services - das gilt, wie gesagt, für die unterschiedlichsten Branchen. Ob Finanzdienstleister, Pharmaunternehmen, Fertigungsunternehmen, Medienkonzerne oder der öffentliche Sektor - sie alle migrieren immer mehr Prozesse in die Cloud. Auch das grosse Interesse an unseren AWS Meetups zeigt uns, dass AWS in der Schweiz gefragt ist. Inzwischen gibt es fünf regionale Meet-Up-Gruppen: in Zürich, Genf, Lausanne, Bern und im Tessin.

ICTkommunikation: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Argumente, wenn es darum geht, Schweizer Unternehmen zur Migration in die Amazon-Cloud zu bewegen?

Jim Fanning: Wir sehen fünf Hauptvorteile für unsere Kunden: Erstens, Agilität, was bedeutet, dass Kunden Ressourcen nach Bedarf schnell hoch- und auch wieder herunterfahren und Hunderte oder sogar Tausende von Servern innerhalb von Minuten bereitstellen können. Zweitens: Kostenvorteile, da Kunden keine eigene IT erwerben müssen und, gemäss dem Pay-as-you-go-Model, nur für die Infrastruktur und Lösungen bezahlen, die sie wirklich nutzen und konsumieren. Drittens, Elastizität; Kunden benötigen keine überproportionale Kapazität mehr, sondern beziehen flexibel nur die Menge an Ressourcen, die sie tatsächlich benötigen. Der vierte Punkt ist die Breite und Tiefe unseres Serviceangebots mit über 90 Services und schliesslich unsere globale Infrastruktur mit mehr als 16 Infrastrukturregionen weltweit.

ICTkommunikation: Wie finden solche Migrationen in die Amazon-Cloud in der Praxis statt? Was sind die wichtigsten Schritte und wie unterstützt AWS Unternehmen, die bereit sind, ihr Unternehmen in die Cloud zu bringen?

Jim Fanning: Die meisten Kunden beginnen mit einer internen Evaluation, auf die dann in den meisten Fällen ein sogenannter Proof of Concept (PoC) folgt. Wir unterstützen unsere Kunden durch unser Team AWS Professional Services sowie unser AWS-Partnernetzwerk, zu dem in der Schweiz unter anderem folgende AWS Consulting-Partner gehören: Amanox Solutions, Steel Blue, Swiss TXT, Digicomp, Nine.ch, Blue-infinity, XPeppers und Swisscom.

ICTkommunikation: Für Schweizer Cloud-Anbieter ist ein Datenmanagement innerhalb der Schweiz und damit die Datensicherheit ein Schlüsselfaktor bei der Gewinnung von Kunden. Welche Argumente können Sie diesbezüglich vorbringen?

Jim Fanning: Datensicherheit und der Schutz der Daten unserer Kunden haben für AWS oberste Priorität - in der Schweiz, wie überall auf der Welt. AWS wird niemals Kundeninformationen weitergeben oder offenlegen, es sei denn, dies ist gesetzlich vorgeschrieben, z. B. durch eine rechtsgültige und rechtlich bindende gerichtliche Anordnung. Grundsätzlich raten wir unseren Kunden immer, ihre wichtigen Daten zu verschlüsseln. Dabei stellen wir unseren Kunden Verschlüsselungstechnologien in verschiedenen Formen zur Verfügung. Zum einen können AWS-Nutzer die in unsere Dienste integrierten, auf AES256 und einem hoch-sicheren und skalierbaren Schlüsselmanagement-System basierenden Verfahren verwenden. Darüber hinaus können sie die in einem HSM-Modul verborgenen Schlüssel sowie die Crypto-Verfahren von AWS integrieren oder auch ihre eigenen Verfahren auf der Infrastruktur von AWS betreiben. Wenn das HSM physisch oder logisch angegriffen wird, wird das Schlüsselmaterial zerstört.

Die Infrastruktur von AWS wird von unabhängigen Dritten geprüft. Dieser Test beinhaltet neben der reinen physischen Sicherheit auch die Konfiguration, sowie die Prozesse der einzelnen Services. Die Prüfung basiert auf der Beschreibung des AWS-Systems, das auch das Setup jeder einzelnen Region einem Audit unterzieht. Die Prüfberichte (nach SOC1, SOC2 und SOC3) und Zertifikate (ISO 27001 nach den Massnahmen von ISO27002 sowie ISO27017, ISO27018, ISO9001 und PCI DSS Version 3.2 Level 1) nennen auch die Dienste und die Standorte, die Gegenstand der Prüfung waren, beziehungsweise dem Audit-Prozess unterliegen.

Kunden können die gewünschte Region und damit den Ort der Datenverarbeitung frei wählen. Anhand der Berichte und Zertifizierungen durch unabhängige Dritte, sowie der Zugeständnisse, die AWS in der Kundenvereinbarung macht, können Kunden nachvollziehen, dass die Verarbeitung ihrer Daten, sofern sie dies wünschen, ausschliesslich in der EU, also in unseren derzeitigen Infrastrukturregionen in Irland, Frankfurt und/oder London, erfolgt. Es wurde angekündigt, dass in 2018 Regionen in Paris und Stockholm dazukommen.

ICTkommunikation: Welche Bedeutung hat der Schweizer Markt generell für AWS?

Jim Fanning: Zum AWS-Start im Jahr 2006 gehörten Schweizer Kunden zu den ersten, die unsere Cloud-Services nutzten. Seit dem Launch unserer ersten EU-Region im November 2007 haben immer mehr Unternehmen unsere Dienstleistungen in Anspruch genommen. Um unsere Kunden auf dem Weg in die AWS-Cloud zu unterstützen, haben wir im April 2016 eine Niederlassung in Zürich eröffnet, in der ein Team bestehend aus Account Managern, Solutions Architects (Pre-Sales), Trainern, Professional Service Mitarbeitern, Technical Account Managern und weiteren Mitarbeitern mit unseren Kunden vor Ort zusammenarbeitet. Wie bereits erwähnt, verlagern unsere Kunden in der Schweiz, wie auch in anderen Märkten, kritische Workloads zunehmend in die Cloud.


ICTkommunikation: Wie viele Beschäftigte haben Sie denn mittlerweile im Büro in Zürich? Und handelt es sich vorwiegend um Schweizer Angestellte?

Jim Fanning: Wir kommunizieren unsere Mitarbeiterzahlen weder in der Schweiz, noch weltweit. Aber ich kann sagen, dass unser Team stetig wächst. Und als globales Unternehmen unterscheiden wir nicht zwischen "einheimischen" und "auswärtigen" Mitarbeitern.


ICTkommunikation: Aber wie in vielen anderen Ländern gibt es auch in der Schweiz einen grossen Mangel an IT-Fachkräften. Wie zieht AWS geeignete Mitarbeiter oder Talente an?



Jim Fanning: Um gute Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten, ist es wichtig, ihnen die Freiräume zu geben, ihre eigenen Ideen verfolgen und somit sich auch verantwortlich fühlen zu können. Auch die richtigen Entwicklungsmöglichkeiten sind hierbei entscheidend. Bei Amazon stehen wir für eine Kultur, in der Scheitern ausdrücklich erlaubt ist und sogar gewünscht wird. Daher suchen wir Mitarbeiter, die gerne experimentieren. Das bedeutet auch, bereit zu sein, Umwege zu gehen und genügend Energie zu haben, um aus einer Sackgasse auch schnell wieder heraus zu finden. Unsere Leadership Principles spielen ebenfalls eine Schlüsselrolle. Sie beschreiben sehr genau, was uns wichtig ist. Jeff Bezos sagte einmal: "Ich würde lieber Vorstellungsgespräche mit 50 Kandidaten führen, und niemanden einstellen, als die falsche Person einzustellen." Wir glauben fest daran, dass es ein grosser Fehler wäre, beim Recruiting neuer Teammitglieder Kompromisse einzugehen.

ICTkommunikation: Swisscom hat kürzlich angekündigt, ihr Portfolio um Cloud-Services von Amazon Web Services zu ergänzen. Wie wichtig sind solche Partnerschaften im Schweizer Markt für AWS als "Türöffner"?


Jim Fanning: Wir sehen das weniger als "Türöffner", sondern als Erweiterung unseres Angebots. Kunden von Swisscom sollen von unseren Cloud-Services profitieren können. Das Angebot richtet sich an Unternehmen, die mit einem lokal verwurzelten Partner einen Weg in die Cloud suchen. Es handelt sich dabei auch nicht um ein reines Reselling, wir sehen Swisscom viel mehr als einen Managed Service Provider für Amazon Web Services. Swisscom ist nämlich auch ein Cloud-Berater und ein Systemintegrator.

ICTkommunikation: Wie wichtig ist das AWS-Partnernetzwerk hier in der Schweiz generell? Brauchen Sie überhaupt Partner?


Jim Fanning: Unsere Partner sind im Amazon Partner Network (APN) organisiert. Auf der einen Seite gibt es hochspezialisierte, oft kleinere Unternehmen in unserem APN, von denen einige bereits sehr tiefe Spezialisierungen in der Cloud-Umgebung absolviert haben. Auf der anderen Seite arbeiten wir mit globalen Consultingpartnern wie Accenture, Cap Gemini, DXC oder auch starken lokalen Playern wie Swisscom zusammen. Die meisten unserer Partner verfügen über eine sehr breite Projektkompetenz und unterhalten zudem oft langjährige Beziehungen mit ihren Kunden. Dadurch entsteht ein Vertrauensverhältnis, das gerade bei den ersten Schritten in die Cloud, die oft mit Unsicherheit belegt sind, von grossem Vorteil sein kann.


ICTkommunikation: Das laufende Jahr neigt sich dem Ende zu. Wie ist es generell für AWS gelaufen und wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für das neue Jahr?


Jim Fanning: AWS ist ein grosses und wachsendes Geschäft. Der Umsatz im 3. Quartal 2017 für das AWS-Segment stieg im Jahresvergleich um 42 Prozent auf 4,58 Milliarden US-Dollar, was AWS zu einem Run-Rate-Business von mehr als 18 Milliarden US-Dollar macht. Wie in allen Märkten, sehen wir auch in der Schweiz grosses und nachhaltiges Wachstum. Auch im kommenden Jahr werden wir unsere Kunden bei allen anstehenden Projekten weiter unterstützen.

Jim Fanning, Country Manager, Schweiz und Central & Eastern Europe bei Amazon Web Services (AWS)

Amazon Web Services: Referenz-Architektur (Bilder: AWS)