Paradigmenwechsel: Applikationen auf IPv6

Verfasst von ictk am 23.06.2016 - 08:22

Während viele Organisationen erst ihren IPv6-Adress-Raum planen, beschäftigen sich Early Adopter bereits mit der Optimierung bestehender und Lancierung neuer Applikationen in ihren IPv6-only oder Dual-Stack-Infrastrukturen. Die 2016er Edition der IPv6 Business Konferenz, die kürzlich in der Arena Sihlcity in Zürich stattfand, hat deswegen erstmals einen dritten Track dem Bereich "Applikationen" auf IPv6 gewidmet.

Gastbeitrag des Swiss IPv6 Council

Das grosse Thema der Keynote des deutschen Bundesministeriums des Innern, präsentiert von Tahar Schaa, hiess "Paradigm Shift". Schaa, Senior Consultat bei Cassini, berät das deutsche Bundesministerium des Innern bei dem Deployment von IPv6 in der öffentlichen Verwaltung. Schaa: "Die Internetwelt wächst ständig und die Nutzerwelt verändert sich. Neben herkömmlichen ISPs sind auch Bürger mit immer mehr Smart-Home-Lösungen, Unternehmen mit Industrie 4.0 Lösungen, weltweit agierende Unternehmen und öffentliche Verwaltungen Akteure im Internet. Die Einführung von IPv6 ist dabei ein wesentlicher Ansatz."

Der Magic Moment
Das deutsche Netzwerk-Vorhaben unterscheidet sich gemäss Schaa in der Grösse und in der Komplexität von Transitionsprojekten in privaten Unternehmen, nicht aber im Wesen. "Ein IPv6-Projekt sollte jeden Stein umdrehen, darunter hervor kommen häufig Legacy-Applikationen, Redundanzen, undokumentierte Middleware und klapprige Schnittstellen. Eine IPv6-Einführung scheitert häufig nicht an der Technik, sondern daran, dass wir uns zu wenig mit der Historie unserer Infrastrukturen und unseren eigenen Organisationsprozessen auseinandersetzen. 50 Jahre wuchsen die Netze praktisch unkontrolliert, mit IPv6 haben wir die Chance, alles zu neu zu machen. Wir müssen die IPv6-Einführung als Magic Moment, als Once-in-a-Lifetime-Chance begreifen lernen", so Tahar Schaa im Interview.

Ganz ähnlich beschreibt Stephanie Schuller, Infrastructure Implementation Manager bei Linkedin, den grössten, positiven Output ihrer bislang drei IPv6-Einführungen: "Das Auditieren unserer Datenflüsse brachte uns bei weitem den grössten und erwarteten Nutzen. Die IPv6 Einführung zwang uns, Altlasten aufzuräumen und Doppelspurigkeiten zu beseitigen. Nun sind unsere Systeme optimiert, dokumentiert und laufen viel effizienter als zuvor – nicht nur hauptsächlich weil sie über IPv6 funktionieren, sondern weil wir aufgeräumt haben."

Interdisziplinär und Team-übergreifend

Angesprochen auf Erfolgsfaktoren ist ihre Meinung dezidiert: "Wir müssen die Teams zusammenbringen. Die IPv6-Einführung beeinflusst die Applikationen, die Interaktion mit dem Kunden und damit direkt unser umsatzrelevantes Geschäft. Als erstes bringe ich die richtigen Leute aus allen Business-Abteilungen an einen Tisch, wir beschreiben das Problem, dann wenden wir uns an den passenden Sponsor aus dem Executive Management, der das Budget freigibt. Im interdisziplinären Team entwickeln wir danach Designs für die Lösung."

Das Gute daran sei, dass die Personen in den Arbeitsgruppen beginnen, sich zu vernetzen, die Perspektive der anderen zu verstehen und ihre Arbeitsweise zu koordinieren. Viele Labs aus den Testzeiten der IPv6-Piloten bestünden heute noch, neue teamübergreifende Szenarien würden nun laufend auf diesen Übungssystemen getestet und in den Betrieb übernommen. Bei LinkedIn wird konsequent mit agilen Methoden wie Scrum und Kanban gearbeitet.

Paradigmen-Wechsel
Das Internet der Dinge (IoT) ist in aller Munde und wird immer günstiger. Ein Sensor nach ITF-Standard kostet nur noch 3 Euro. Diese kleinen Melder werden nun massenweise überall verbaut, in allen möglichen Industriezweigen. Diese neue Art der Maschinensteuerung muss jedoch auch kontrolliert und gesichert werden. Neue Formen von Attacken sind möglich. Dies ist der Paradigmenwechsel. IPv6 bietet uns die Grundlage und die Technologie, neue Wege zu gehen und neue Paradigmen in der Beurteilung und Lösung von Problemen zu erproben.

IT-Infrastruktur auf Knopfdruck
Wenn eine IT-Infrastruktur mit schier unendlich vielen Zugangspunkten via IPv6 die Grundlage für die Lösung unserer zukünftigen Probleme sein soll, stellt sich die Frage, wer diese Infrastruktur bereitstellt. Solange der Zugang kontrolliert und nur mit extrem hohem Aufwand von ressourcenstarken Marktteilnehmern erstellt werden kann, kommen Fragezeichen in der Leistungsstärke dieses Ansatzes auf. Manuel Schweizer, CEO der Cloudscale.ch, hat deshalb pünktlich zur Konferenz das neue Angebot "IPv6-Server in 10 Sekunden" lanciert.

Auf der Plattform Cloudscale.ch klickt sich ein KMU seinen virtuellen Server mit der Beantwortung von fünf bis sechs Fragen zusammen, wählt den Haken "Enable IPv6" an und ist damit nach wenigen Sekunden mit einer IPv6-Adresse publik im Internet – und dies für einen Franken pro Tag im günstigsten Modell. Bislang wird das Angebot vor allem von Dienstleistern im Developer- und DevOps-Bereich genutzt, die Applikationen für ihre Endkunden entwickeln und betreuen. "Private Netzwerke, Backups, eine einfache API und Reverse DNS stehen als nächstes auf unserer Roadmap. Damit kann theoretisch jeder sein eigenes IPv6-Netzwerk bestehend aus Mail- und Webserver, Cloud Storage, Wiki oder Telefonanlage mit wenigen Mausklicks aufsetzen." so Manuel Schweizer über die Vision seines Unternehmens.

The African Lion grows
Da der angesprochene Paradigmenwechsel ein globales Phänomen ist, oder - anders ausgedrückt - er so beschaffen sein sollte, dass alle zur Lösung der globalen Herausforderungen beitragen sollten, lohnt sich ein Blick auf den afrikanischen Kontinent. Obwohl Afrika als einzige Kontinental-Zone noch über IPv4-Adressen verfügt, führt auch dort kein Weg an IPv6 vorbei. Während in den USA 5 IPv4-Adressen pro Einwohner zu Verfügung stehen, sind es in Afrika gerade mal 0.2 pro Person. "Wenn man bedenkt, dass sich die Mobile-Penetration seit 2010 ungefähr verfünffacht hat, ist klar, dass die IPv4-Adressen schnell den limitierenden Faktor darstellen werden." meint Mukom Tamon, Head Capacity Development, Afrinic.