Die Vernetzung als neue Schlüsselanforderung für ERP-Systeme

Verfasst von Karlheinz Pichler am 10.08.2017 - 23:12

Durch das Internet of Things (I0T) und den Einbezug der Daten von Maschinen, Geräten und Anlagen werden ERP-Systeme immer mehr zu Vernetzungskünstlern. Hinsichtlich der digitalen Transformation sind IoT-Geschäftsanwendungen für Augmented Reality, Wearables, Beacons und 3D-Druck zentrale Themen, mit denen sich ERP-Entwickler aktuell auseinandersetzen, wie Wilfried Gschneidinger, CEO IFS Europe Central, und Guido Zumstein, Managing Director IFS Schweiz im Interview mit ICTkommunikation unter anderem erläutern.

Interview: Karlheinz Pichler

ICTkommunikation: Welche neuen Anforderungen ergeben sich für ein ERP-System à la IFS durch Industrie 4.0?

Wilfried Gschneidinger: Eine neue Schlüsselanforderung ist die Vernetzung bedingt durch das Internet of Things. Ein ERP-System muss heute in der Lage sein, Daten von Anlagen, Maschinen und Geräten zu empfangen und zu verarbeiten, die bisher ausserhalb der eigenen IT-Umgebung zu finden sind – beispielsweise von Offshore-Anlagen, Medizin-Robotern, Hausgeräten und dem öffentlichen Nahverkehr. Dazu bieten wir mit dem IFS IoT Business Connector eine Plug-and-Play-Anbindung von IFS Applications an die Microsoft Azure IoT Suite. Dabei stellen wir fest, dass produzierende Unternehmen IoT-Technik vor allem im Service-Bereich nutzen wollen. Sie möchten für ihre physischen Produkte mehr Serviceleistungen oder zusätzliche Serviceprodukte am Markt anbieten sowie Instandhaltungsarbeiten an ihren eigenen und den Anlagen ihrer Kunden von vornherein optimieren oder sogar ganz vermeiden. IFS bietet für das Service Management ein bereits von Analysten als "Best in Class" ausgezeichnetes voll umfängliches Produktportfolio an.

Darüber hinaus verlangt Industrie 4.0 von ERP-Systemen eine äusserst grosse Agilität. Sie müssen sich schnell an neue Gegebenheiten und die Bedürfnisse von Kunden, Lieferanten und Partnern anpassen lassen. Eine Business Software wie IFS Applications gewährleistet das, indem sie sich durch Konfiguration statt Programmierung modifizieren lässt. Ausserdem ermöglicht sie einen Betrieb im ,Evergreen’-Modus, somit ist das ERP-System immer auf dem aktuellsten Stand. Eine moderne mehrschichtige Softwarearchitektur sorgt dafür, dass Aktualisierungen mit minimalen Eingriffen in kürzester Zeit durchgeführt werden können. Neue Technologien lassen sich damit schnell implementieren. Unternehmen können somit ihr Angebot – egal ob Produkte oder Services – optimieren und gegebenfalls erweitern.

ICTkommunikation:
Wie steht es aktuell mit der Anbindung mobiler und Home-Office-Anwender an IFS-Systeme?

Gschneidinger: Wir haben im mobilen Bereich bereits sehr viel investiert und werden das auch weiterhin tun. So kann heute unser gesamtes ERP-System über Touch Devices wie Tablets genutzt werden. Zusätzlich haben wir für kleinere, einfachere Aufgaben Apps für Smartphones entwickelt – etwa für die Genehmigung von Rechnungen, die Freigabe von Beschaffungsaufträgen, Rückmeldungen von Projektzeiten oder die Abrechnung von Reisekosten. On top bieten wir eine umfassende Lösung speziell für das Service-Management. Mit ihr können Servicetechniker ihre kompletten Leistungen mobil erbringen und abrechnen.

ICTkommunikation: Wie wird in diesem Zusammenhang bei IFS das Thema Security gehandhabt?

Gschneidinger:
IFS Applications verfügt hier seit Langem über umfangreiche Sicherheitsmechanismen. So lässt sich beispielsweise der gesamte Datenverkehr eines mobilen Client, etwa aus dem Home Office, zur Datenbank verschlüsseln. Ausserdem setzen wir auf Datenbanksysteme mit hohen Sicherheitsstandards und modernen Verschlüsselungstechnologien. Der Betrieb unserer Software im ,Evergreen’-Modus sorgt dafür, dass neue Sicherheitsanforderungen schnell im System umgesetzt werden können.

ICTkommunikation: Ein weiteres grosses Thema für Unternehmen stellt der Bereich Big Data samt Datenanalyse dar. Was hat IFS diesbezüglich zu beiten?

Gschneidinger:
IFS bietet mit IFS Enterprise Operational Intelligence eine neuartige Lösung speziell für dieses wichtige Thema. Mit ihr können Unternehmen ihre Big Data laufend anhand ihrer Wertschöpfungsketten analysieren. Zu diesem Zweck kann IFS Enterprise Operational Intelligence auch unstrukturierte Massendaten aus der Produktion bis hin zu IoT-Daten verarbeiten. Führungskräfte erhalten damit einen ,Geschäftstomografen’, mit dem sie ihre Prozesse kontinuierlich im Sinne der Unternehmensstrategie überwachen, das operative Geschäft schnell auf neue Gegebenheiten anpassen und wenn nötig unmittelbar in das betriebliche Geschehen eingreifen können.

ICTkommunikation: Sind oder werden die ERP-Systeme von IFS mit Prognosefähigkeiten ausgestattet?

Gschneidinger:
Unser ERP-System ist bereits auf mehreren Ebenen mit Prognosefähigkeiten ausgestattet. Zum einen auf der Ebene des operativen Managements, wo unsere Demand-Planning-Lösung auf Basis von Vergangenheitsdaten Planungs- und Bedarfsprognosen erstellt. Dabei werden auch saisonale Abhängigkeiten erkannt und berücksichtigt.

Auf der eher strategischen Ebene lassen sich mit IFS Enterprise Operational Intelligence umfassende Prozessanalysen durchführen. Die Lösung ermöglicht es Unternehmen, ihre Prozesse zu definieren und mit ihren strategischen Zielen zu verknüpfen – von klassischen KPIs wie Produktionsauslastung, Maschinenausfallzeiten oder Reklamationsquoten bis hin zur Kundenzufriedenheit oder der CO2-Bilanz. Da die Software die Leistung der Prozesse mit Hilfe von Prozessdaten messen und gegen die Ziele rechnen kann, ist sie in der Lage, die zukünftigen Auswirkungen von Änderungen zu simulieren. Bevor Unternehmen ihre Abläufe tatsächlich ändern, können sie durchspielen, wie sich Prozessänderungen auf die Ziele auswirken oder wie die Abläufe angepasst werden müssen, damit sie zu neuen Unternehmenszielen passen. Risiken wie Kosten oder Zeitverzögerungen durch Prozessänderungen werden dadurch transparent, bevor sie in der Realität auftreten.

ICTkommunikation:
Wie sieht es in diesem Zusammenhang mit dem Einsatz von In-Memory-Techniken aus?

Gschneidinger:
IFS Applications unterstützt bereits seit rund eineinhalb Jahren – seit die aktuelle Version 9 auf dem Markt ist – mit In-Memory-Technologie die schnelle Analyse und Visualisierung grosser Datenmengen. Die Analysen und Visualisierungen lassen sich direkt in die Prozesse der ERP-Software integrieren und erhöhen damit die Transparenz auf allen Ebenen eines Unternehmens. Dabei verfolgen wir einen hybriden Ansatz. Es ist frei wählbar, welche Daten mit In-Memory verarbeitet werden sollen. So können Unternehmen gezielt in den Bereichen von dieser Technologie profitieren, in denen sie den grössten Nutzen entfaltet. Ihre Business Software können sie dennoch weiterhin auf einer relationalen Datenbank betreiben und müssen sich nicht von ihrem Know-how für die vorhandene Datenbank trennen, das sie oft über viele Jahre aufgebaut haben.

ICTkommunikation:
Wie wird es mit den Vertriebsmodellen für ERP künftig aussehen? Wird es noch On-Premise-Einsätze geben oder wird die Cloud On-Premise längerfristig komplett verdrängen?

Gschneidinger:
Die Nachfrage nach Cloud-Lösungen nimmt mittlerweile stark zu. Wir bieten hierfür eine breite Palette an Vertriebsmodellen, die von Infrastructure-as-a-Service-Lösungen bis hin zu Full-Managed-Cloud-Services auf Basis von Microsoft Azure reicht. Besonders stark ist die Nachfrage im Bereich Service-Management-Lösungen. In anderen Branchen oder Märkten wird das On-Premise-Modell aber auch in Zukunft noch seine Berechtigung haben. Das gilt insbesondere für kritische Märkte wie beispielsweise die Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie.

ICTkommunikation:
Wie sieht es mit ERP aus der Cloud respektive ERP on demand aktuell grundsätzlich in der Schweiz aus?

Guido Zumstein: Unserer Erfahrung nach setzen in der Schweiz vor allem kleinere Unternehmen auf Cloud-Modelle. Die Nachfrage nach Cloud-Services nimmt aber auch im Mittelstand zu. Wenn Bestandskunden ein Upgrade planen, prüfen sie häufig, ob ein strategischer Wechsel vom On-Premise- zum Cloud-Betrieb sinnvoll sein könnte. On-Demand-Modelle werden ebenfalls verstärkt nachgefragt und können je nach Situation oder Marktstrategie einen Mehrwert für die Unternehmen bieten. Definitiv am grössten ist die Nachfrage nach Cloud-Lösungen im Bereich des Service-Management, wo besonders hohe Mobilität gefordert ist.

ICTkommunikation: Worüber denken die Entwickler von IFS derzeit am intensivsten nach?

Gschneidinger:
IFS Labs, unser Think Tank, beschäftigt sich permanent damit, wie sich neue Consumer-Technologien oder innovative Lösungen in IFS Applications einsetzen lassen, um die Usability und den Nutzen der Software immer weiter zu optimieren. Derzeit liegt dabei ein besonderer Schwerpunkt auf der digitalen Transformation. So entwickelt IFS Labs momentan IoT-Geschäftsanwendungen für Augmented Reality, Wearables, Beacons und 3D-Druck. Ausserdem arbeitet es daran, Drohnen-Technologie für die Instandhaltung im Service-Management integriert einzusetzen. All diese Technologien wurden bereits integriert in „Live-Szenarien“ präsentiert. Weitere aktuelle Entwicklungen betreffen die Sprach- und Gestensteuerung unserer Software.

ICTkommunikation:
Wie ist IFS in der Schweiz grundsätzlich positioniert? Wie wichtig ist dieser Markt für IFS und in welchen Branchen ist IFS in der Schweiz am stärksten vertreten?

Zumstein:
Produzierende Unternehmen sind eine wesentliche Zielbranche von IFS. Die Schweiz ist hier hervorragend aufgestellt und deshalb ein sehr wichtiger Markt für IFS. Besonders aktiv sind wir hierzulande bei High-Tech-Unternehmen, in der industriellen Fertigung, bei Anlagenbauern und Prozessfertigern. Ein weiteres wichtiges Standbein sind projektorientierte Unternehmen. Unsere besondere Kompetenz für projektorientierte mittelständische Unternehmen zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass uns die Marktforscher von Gartner wiederholt als "Leader" auf diesem Gebiet bewertet haben.

Daneben ist die Schweiz aber auch ein ausgesprochener Dienstleistungsmarkt, auf dem sehr viele Servicekräfte im Einsatz sind. Mit unserer Service-Management-Software können wir die gesamten Anforderungen der Dienstleistungsbranche abdecken und bieten die umfassendste Lösung am Markt. Auch sie wurde von Gartner bereits als führend eingestuft. Wir investieren aktuell stark in den Bereich Service-Management und schaffen auch neue Arbeisplätze in der Schweiz.

ICTkommunikation:
Was für eine Partnerstrategie verfolgt IFS in der Schweiz?
Zumstein: Das Partner-Ökosystem ist für IFS generell von zentraler strategischer Bedeutung. Es stellt Anwenderunternehmen umfassende Beratungsleistungen durch erfahrene, zertifizierte Parter zur Verfügung und bietet ihnen zahlreiche integrierte Ergänzungslösungen zur Optimierung ihrer Geschäftsprozesse. Diese Strategie wird von IFS in der Schweiz genauso konsequent umgesetzt wie in allen anderen Ländern auch. Wir gehen Kooperationen mit Distributoren, Service- und Technologie-Partnern ein und sind ständig mit verschiedensten Unternehmen in Kontakt, um unser Partnernetzwerk weiter auszubauen. Deshalb bin ich optimistisch, dass wir schon bald weitere Neuzugänge für unser Ökosystem verkünden können. Schweizer Unternehmen, die an einer Partnerschaft mit IFS interessiert sind, können sich natürlich gerne mit uns in Verbindung setzen.

www.IFSworld.com/de/

Wilfried Gschneidinger
Der Wirtschaftsinformatiker Wilfried Gschneidinger ist bereits seit über 30 Jahren in der ERP-Branche tätig. Seine berufliche Laufbahn startete er 1987 bei der Nixdorf Computer und übte anschliessend z. B. bei Siemens Nixdorf Informationssysteme und Wincor Nixdorf vielfältige Management-Positionen in Beratung, Vertrieb und Geschäftsleitung aus. Gschneidinger führt seit Januar 2002 als Geschäftsführer die IFS Deutschland und ist seit 2006 auch Mitglied im zentralen Unternehmens-Vorstand der IFS World. Des Weiteren führt er als CEO die operativen Geschäfte der IFS in der Region Europe Central, welche neben den drei deutschsprachigen Ländern auch die Landesgesellschaften der IFS in Benelux und Italien umfasst.

Guido Zumstein
Der Wirtschaftsinformatiker Guido Zumstein ist seit 2010 Geschäftsführer der IFS Schweiz. Er gilt als ausgewiesener IT-Experte und verfügt über eine langjährige Managementerfahrung im ERP-Umfeld. Er war über viele Jahre mit der Leitung von ERP-Grossprojekten der Industrie mit globalen Roll-Outs betraut. Hierbei war er als CIO und Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung bei Maxon Motor, einem Anbieter hochpräziser Antriebssysteme tätig. Zuletzt fungierte er als Geschäftsführer eines E-Business- und PIM-Anbieters.

IFS
IFS entwickelt und liefert weltweit Business Software für Unternehmen, die Güter produzieren und vertreiben, Anlagen unterhalten und Dienstleistungen erbringen. Über 3.300 Mitarbeiter unterstützen weltweit mehr als eine Million Anwender mit einer Kombination aus lokalen Niederlassungen und einem stetig wachsenden Partnernetzwerk.
IFS ist im deutschsprachigen Raum (DACH-Region) mit der IFS Deutschland in Erlangen und weiteren Niederlassungen in Dortmund, Mannheim und Neuss sowie der IFS Schweiz in Zürich mit insgesamt rund 250 Mitarbeitern vertreten. Zu den mehr als 350 namhaften Kunden von IFS DACH zählen zum Beispiel Dopag, Doppelmayr, Dürr Dental, Eickhoff, Franke, Hama, Huber SE, Huf Hülsbeck & Fürst, K2, Kendrion, LPKF, Marabu, Maxon Motor, Nova Werke, Osma und Völkl Sports.

Wilfried Gschneidinger, CEO IFS Europe Central

Guido Zumstein, Managing Director IFS Schweiz (Fotos: IFS)