Die gar nicht so virtuelle Transformation von VMware

Verfasst von Hartmut Wiehr am 21.09.2017 - 13:26

Auf zwei grossen Kundenveranstaltungen in Las Vegas und Barcelona hat sich VMware vor vielen Besuchern als Unternehmen präsentiert, das über eine Bandbreite von verbesserten Produkten und vor allem über eine neue Cloud-Strategie verfügt.

Cloud first heisst es nun bei VMware: "Kunden können ihre digitale Transformation beschleunigen, indem sie Anwendungen über Clouds bereitstellen – und mehr als zwei Drittel der Unternehmen stellen bereits heute ihre Anwendungen über drei oder mehr verschiedene Clouds bereit", fasst Raghu Raghuram, Chief Operating Officer, Products and Cloud Services bei VMware, zusammen. Das Stichwort Cloud zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch die Masse an Produktankündigungen. Und VMware passt sich selbst dieser Richtung an.

Die wirtschaftlichen Ergebnisse können sich auch unter dem Besitzwechsel von EMC zu Dell sehen lassen. So stieg das Umsatzwachstum im Vergleich zum Vorjahr um über 12 Prozent auf 1,90 Milliarden Dollar. VMware gibt als Grund das „breit angelegte Produktportfolio und positive Signale in allen Regionen“ an. Pat Gelsinger, CEO seit fünf Jahren, kommentiert: „Wir freuen uns sehr über die Ergebnisse des zweiten Quartals. Indem wir unsere jahrelange Reise von einer Virtualisierungs-Company für Computer in ein breites Produktportfolio zur Steigerung der Effizienz und der digitalen Transformation fortsetzen, erhalten wir immer mehr Zuspruch von Kunden. Wir helfen ihnen, ihre Applikationen über alle Clouds und alle Geräte hinweg laufenzulassen, zu verwalten, zu sichern und miteinander zu verbinden.“

Diese Strategie führte auf der Anwenderkonferenz VMworld, die Anfang September zum sechsten Mal in Barcelona stattfand und mit etwa 12.000 Teilnehmern wieder gut besucht war, zu einer Reihe von koordinierten Ankündigungen. Zu erwähnen ist zunächst die neue Version der Cloud-Management-Plattform vRealize Suite, die Kunden bei der Bereitstellung, dem Betrieb und der Verwaltung von IT-Infrastruktur- und -Anwendungsservices in einer Multi-Cloud-Umgebung unterstützen will. Die VMware vRealize Suite 2017 umfasst die neuesten Versionen von vRealize Operations, vRealize Automation, vRealize Business for Cloud und vRealize Log Insight. Ausserdem gibt es mit der der vRealize Suite 2017 neue Lifecycle-Management-Funktionen, um die Integration und Modernisierung von Rechenzentren und Cloud-Installationen zu verbessern.

Im Einzelnen sind folgende neue oder erweiterte Funktionen zu nennen: gestrafftes Lifecycle-Management für die tägliche Administration und den Betrieb, vRealize Operations 6.6 für Workload Placement und Balancing von Clustern und Datenspeicher einschliesslich eines Predictive Distributed Resource Scheduler (pDRS), vRealize Automation 7.3 mit Support für Admiral 1.1 (Container-Management), vRealize Business for Cloud 7.3 und vRealize Log Insight 4.5 mit vollständiger Log-Integration für vRealize Operations.

Weitere Neuerungen betreffen die Erweiterung der Mobile Security Alliance (MSA), einem Ökosystem aus Security-Anbietern mit Lösungen für die VMware-Plattform für den digitalen Arbeitsplatz Workspace One. Hierbei handelt es sich um einen „umfassenden und vernetzten Sicherheitsansatz für den digitalen Arbeitsbereich“, der „vor gezielten Bedrohungen, die von Geräten, Nutzern, Apps und Daten ausgehen“, schützen soll.

Die wichtigste Neuigkeit von VMware betrifft jedoch die schon vor einem Jahr angekündigte Kooperation mit Amazon AWS. Die „VMware Cloud on AWS“ wird zunächst nur in der AWS-Region U.S. West (Oregon) verfügbar sein. Anwender können mit ihr ihre gewohnten VMware-Anwendungen in der Public Cloud von AWS installieren – neben ihrem bisherigen Einsatz on-premise. Sie können beide nebeneinander betreiben, Applikationen und Daten austauschen oder verschieben. Der Vorteil der Cloud-Variante besteht darin, dass „auf Knopfdruck“ eventuell benötigte Kapazitäten oder Funktionen in Echtzeit geordert werden können – ohne die üblichen Genehmigungs- und Installationswartezeiten im heimischen Rechenzentrum. Werden Kapazität oder Funktionen nicht mehr gebraucht, können sie sofort wieder abbestellt werden. Bezahlt wird direkt an VMware, die wiederum eine finanzielle Vereinbarung mit AWS eingegangen ist, über die aber bisher nichts bekannt gegeben wurde.

Eine gewisse Brisanz dieser neuen Richtung besteht darin, dass VMware bis vor kurzem ein eigenes Public-Cloud-Angebot hatte: vCloud Air. Diese Konkurrenzlösung zu AWS, Microsoft Azure, Google Cloud und kleineren, lokalen Cloud-Proovidern wurde schon im Mai 2017 an den französischen Provider OVH verkauft. Was mit den bisherigen vCloud-Air-Kunden passiert, war auf der VMworld in Barcelona kein offizielles Thema, wie überhaupt über den Verkauf an OVH vornehm geschwiegen wurde.

VMware hat zwar angekündigt, dass im Rahmen einer vollständigen Multi-Cloud-Strategie auch Vereinbarungen mit den anderen bestehenden Cloud-Anbietern angestrebt werden, aber es wurden keine konkreten Mitteilungen darüber bekannt gegeben.

VMware hat nach der Marktsättigung bei virtuellen Maschinen (VMs) schon des öfteren einen Kurswechsel vollzogen und das Portfolio unter anderem durch Storage- (VSAN) und Netzwerk-Lösungen (NSX) stark erweitert. Ferner wurden immer mehr Management-Lösungen für das Rechenzentrum präsentiert. Alles bisher mit Erfolg. Ob auch die Public-Cloud-Rechnung mit AWS aufgehen wird, muss sich zeigen. Die Erfahrung mit vCloud Air lässt eher Zweifel aufkommen.