Die Bedrohungslage entwickelt sich dynamisch

Verfasst von Karlheinz Pichler am 16.12.2015 - 15:03

Die Schweizer IT-Dienstleisterin Adnovum entwickelt massgeschneiderte Business- und Security-Lösungen für Kunden im In- und Ausland. Ein aktuelles Beispiel ist etwa die mobile Payment-Plattform TWINT, die dank agilem Vorgehen in weniger als einem Jahr lanciert werden konnte. Im Gespräch mit ICTkommunikation erläutert Adnovum-CEO Chris Tanner unter anderem die Stärken und die strategischen Stossrichtungen des Unternehmens.

Interview: Karlheinz Pichler

ICTkommunikation: Zum Einstieg vielleicht die Frage, in welchen Unternehmensbereichen eigentlich die Lösungen von Adnovum hauptsächlich zum Einsatz kommen.

Chris Tanner:
Unsere Spezialität sind geschäftskritische Enterprise-Applikationen und Portale. Dies können beispielsweise Mobile-Payment- und andere Fintech-Lösungen, aber auch Government - oder Logistik-Applikationen sein, über die Kunden, Mitarbeitende und Lieferanten in zentralen Geschäftsprozessen mitwirken. Für unsere massgeschneiderten Lösungen setzen wir sowohl die Produkte unserer Security Suite NEVIS als auch Produkte anderer Anbieter ein. Zusätzlich bieten wir Dienstleistungen wie IT Consulting, Application Management, Betrieb und Support.

ICTkommunikation: Stichwort Sicherheit: Laut Experten sind IT-Systeme vielfach noch immer unzureichend geschützt. Was empfehlen Sie als Anbieter von Sicherheitsprodukten und -dienstleistungen Ihren Kunden?

Chris Tanner: Wir raten ihnen, den Schutzbedarf sorgfältig zu analysieren und nach dem optimalen Kosten-Nutzen-Verhältnis zu suchen. Dieses hängt nicht zuletzt davon ab, wie kritisch die involvierten Prozesse und Daten für ein Unternehmen sind. Bei kritischen Daten empfehlen wir, den klassischen Schutz der Aussengrenzen (Perimeter-Security) mit adaptiver Security als Second Line of Defense zu kombinieren. Ebenfalls zentral ist es, Security-Aspekte schon bei der Konzeption, der Architektur und dem Design einer Lösung einzubeziehen, zum Beispiel bei der Auswahl der Funktionen und der Methoden und Technologien. Sicherheitsfreundliches Design lässt sich auch effizient an künftige Sicherheitsanforderungen anpassen. Bei bestehenden Landschaften empfehlen wir, Architektur und Design regelmässig zu überprüfen und kontinuierlich zu erneuern. Dies reduziert die Verwundbarkeit eines Systems substanziell.

ICTkommunikation: Wenn Sicherheitsprodukte keine hundertprozentige Sicherheit bieten, worauf kann ich mich als Kunde denn verlassen?

Chris Tanner: Hundertprozentige Sicherheit kann man tatsächlich nicht erreichen. Und wenn doch, wäre das viel zu teuer. Ausserdem wäre ein absolut sicheres System wohl eine Zumutung in Bezug auf Performance und Usability. Wo Menschen involviert sind, können immer Fehler passieren, und es gibt Angriffsflächen für Social Engineering. Ausserdem entwickelt sich die Bedrohungslage dynamisch. Was heute als sicher gilt, ist es morgen nicht mehr. Doch indem wir für Awareness sorgen, die Bedrohungslage laufend analysieren und schnell auf neue Sicherheitslücken reagieren, können wir grösseren Risiken effizient begegnen.

ICTkommunikation: Vor einem Jahr hat Adnovum im vietnamesischen Ho Chi Minh City eine Niederlassung eröffnet. Lassen Sie mittlerweile sämtliche Programme im Offshore-Modus herstellen oder wird nach wie vor auch in Zürich entwickelt?

Chris Tanner: Adnovum macht intelligentes Offshoring. Dienstleistungen, bei denen Nähe zum Kunden und zu den Endbenutzern wichtig ist, erbringen wir nach wie vor direkt an den Verkaufsstandorten. Dadurch arbeiten auch heute noch über zwei Drittel unserer Mitarbeitenden in der Schweiz und in Singapur. Bei Entwicklung und Testing lohnt sich die Auslagerung ausserdem erst ab einer gewissen Projektgrösse. Und nicht zuletzt wollen wir jungen Ingenieuren die Möglichkeit bieten, sich bei uns zum Projektleiter, Integrator, Architekten oder IT Consultant zu entwickeln. Als Basis dafür müssen sie auch in der Schweiz und in Singapur als Software-Engineers Praxiserfahrung sammeln können.

ICTkommunikation: Konnten Sie von Ihrer Niederlassung in Singapur aus schon viele IT-Projekte realisieren? Welche Branchen haben Sie dort schwerpunktmässig im Fokus?

Chris Tanner: Schweizer Qualitätssoftware wird auch in Asien geschätzt. Wir haben unter anderem eine Loyalty-App für Holcim Vietnam, eine Mobile Website für die Versicherungsgesellschaft DirectAsia.com und mehrere Projekte für den Staat Singapur umgesetzt, z.B. für das Ministry of Law und den National Arts Council. Ausserdem haben wir mit unserer Security Suite NEVIS diverse Identity- und Access-Management-Lösungen auf das neue nationale IAM-Gateway SingPass migriert, zum Beispiel jene der Maritime and Port Authority of Singapore (MPA). Zu unserem regionalen Kundenportefeuille gehören weiter Finanzinstitute, Banken und eine Zertifizierungsorganisation.
Strategisch fokussieren wir auch in Singapur nicht auf spezifische Branchen. Uns interessieren Kunden, die sich über IT-Lösungen von ihren Mitbewerbern differenzieren wollen. Tendenziell sind wir jedoch in Singapur in denselben Branchen erfolgreich wie in der Schweiz.

ICTkommunikation: Gemäss Adnovum-Website sind von den insgesamt rund 500 Mitarbeitenden des Unternehmens 70 Prozent Software-Ingenieure mit Hochschulabschluss. Wie rekrutieren sie so viele IT-Akademiker? Software-Ingenieure mit Hochschulabschluss sind ja wohl von vielen IT-Unternehmen heiss begehrt.

Chris Tanner: Der Ingenieur-Spirit ist sicher der Kern unserer Attraktivität als Unternehmen. Unser vielfältiges Projektportfolio bietet jungen Ingenieuren die Möglichkeit, mit erfahrenen Berufskollegen Lösungen für komplexe Business-Anforderungen zu erarbeiten. Wir bieten auch Praktikumsstellen an, diese sind bei uns direkt in den normalen Arbeitsprozess integriert. Oft empfehlen Praktikanten und Mitarbeitende uns weiter. Und natürlich sind wir auch an Rekrutierungsevents präsent und engagieren uns in der Nachwuchsförderung.
Die Arbeitsmarktsituation in der Schweiz und in Singapur bleibt dennoch ein Challenge. Wir bauen deshalb unsere Offshoring-Locations in Ungarn und Vietnam aus. Die Verteilung auf mehrere Standorte und die Diversifizierung unseres Angebots bergen jedoch wiederum eigene Herausforderungen. Wird es uns gelingen, unseren Qualitätsanspruch, Drive und Teamgeist über alle Geschäftsbereiche und Standorte zu skalieren?

ICTkommunikation: Ich habe gehört, dass Adnovum den Mitarbeitenden zu ihren Dienstjubiläen Dinosaurier überreicht. Sind diese Dinos als ironisch-satirische Geste gedacht oder als eine Warnung und Aufmunterung für die Betreffenden, sich weiter zu engagieren und anzustrengen, um nicht zum Alten Eisen zu gehören?

Chris Tanner: Als Geste sind sie natürlich ironisch zu verstehen: Software-Engineering bei Adnovum hält jung! Im Ernst, wir profitieren von einer fruchtbaren Zusammenarbeit erfahrener Mitarbeitender mit jüngeren, mit den neusten Technologien "aufgewachsenen" Ingenieuren. Speziell für Märkte wie Asien mit einer jungen IT-Industrie, wo Informatikingenieure mit langjähriger Erfahrung schwer zu finden sind, ist der Zugang zu unserem Pool von vifen "Dinos" von nicht zu unterschätzendem Wert.

ICTkommunikation: Wie ist das vergangene Geschäftsjahr für Adnovum gelaufen? Mit welchen Erwartungen gehen sie ins neue Jahr?

Chris Tanner: 2015 haben wir wieder zahlreiche spannende Projekte umgesetzt und unser Kunden-Portfolio weiter ausgebaut. Parallel dazu haben wir das Productizing unserer Security Suite NEVIS vorangetrieben und auch in diesem Bereich neue Kunden gewonnen. Im Rahmen von Cebit und IT-SA sind wir mit NEVIS erstmals am deutschen Markt aufgetreten.
Wir konnten Umsatz und Gewinn weiter steigern und neue Talente einstellen. Dadurch sind wir dieses Jahr wieder stark gewachsen und zählen nun rund 500 Mitarbeitende weltweit. In Vietnam arbeiten bereits 25 Mitarbeitende und auch unsere Standorte in Budapest und Singapur sind weiter gewachsen. Wir richten uns also zunehmend international aus, sind jedoch mit 320 Mitarbeitenden in Zürich und Bern nach wie vor fest in der Schweiz verankert.
Die Marktentwicklung für ICT-Dienstleistungen für das kommende Geschäftsjahr bewerten wir grundsätzlich positiv. Wir freuen uns auf spannende neue Projekte.

ZUR PERSON
Chris Tanner, 49, ist dipl. Elektroingenieur FH und Executive MBA und arbeitete bereits von 1995 bis 2004 als Projektleiter bei Adnovum. 2005 wechselte er zu Bluecare und später zur Siemens Schweiz. 2009 wurde er Managing Director von Adnovum Hungary. Seit April 2014 steht er als Chief Executive Officer (CEO) an der Spitze des Unternehmens. Chris Tanner verfügt über langjährige Erfahrung in der Umsetzung strategischer Projekte in den Bereichen Finanz, E-Health und IT-Service-Lösungen.

ZUR FIRMA
Adnovum wurde 1988 gegründet. Am Hauptsitz in Zürich und in den Niederlassungen in Bern, Budapest, Ho-Chi-Minh-Stadt und Singapur sind heute rund 500 Personen beschäftigt. 70 Prozent davon sind Software-Ingenieure mit Hochschulabschluss.

Adnovum bietet umfassende IT-Dienstleistungen an, von der Beratung in IT-Architektur- und Security-Fragen über die Konzeption, Umsetzung und Pflege massgeschneiderter Business- und Security-Lösungen bis hin zu Wartung und Support. Zum Angebot zählen auch die Produkte der Security Suite NEVIS, die bei renommierten Unternehmen in den verschiedensten Branchen genauso zum Einsatz kommen wie bei Behörden.

Adnovum-CEO Chris Tanner